#FreeTheArctic30


Jeder, der sich ein wenig mit weltweiten Umweltbewegungen beschäftigt, hat mittlerweile von dem Fall der Arctic Sunrise mitbekommen, denn #FreeTheArctic30 lässt sich derzeit auf zahlreichen social media Seiten lesen. Dabei geht es um die in Russland inhaftierte Crew des Greenpeace Schiffes Arctic Sunrise. Die Greenpeace-Aktivisten hatten auf einer Bohrinsel der russischen Ölfirma Gazprom in der Petschorasee in der Arktis demonstrieren und auf Gefahren der Ausbeutung dieser sensiblen Region hinweisen wollen. Ziel war es, ein Transparent an der Plattform zu befestigen.

Bei der Festnahme der Aktivisten, der Schiffscrew und der mitreisenden Journalisten ging es dabei zu wie in einem Agentenkrimi. Die Aktivistinnen wurden mit eiskaltem Wasser aus Wasserkanonen bespritzt, bis sie ins Wasser stürzen, ihre Boote gerammt und ihnen mit Messern und Pistolen gedroht. Ein Video, Fotos von der Festnahme und die live-Twittermeldungen von Mitgliedern des Teams veranschaulichen der Weltöffentlichkeit die Vorgänge bei der Einnahme des Schiffs durch russische Sicherheitskräfte. Der Fall wird mittlerweile von den Niederlanden, unter dessen Flagge das Schiff fuhr, als Verstoß gegen die internationale Seerechtskonvention angesehen. Greenpeace selber will vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen.

Worum ging es Greenpeace eigentlich?

Unsere heutigen Gesellschaften sind in extremer Weise auf fossile Ressourcen zu Energiegewinnung angewiesen. Mit dem Schwinden der bekannten Ölreserven und dem Schwanken des Ölpreises durch Regimeinstabilität in Förderregionen wird nun dringend nach alternativen Gewinnungsformen und -regionen gesucht. Neben Fracking oder der Förderung von Ölsand wird dazu seit einiger Zeit die Arktis ins Auge gefasst, wo ein Vierteil der weltweiten Ölreserven vermutet wird. Dabei ist es eine Ironie des Schicksals, dass gerade der Klimawandel aufgrund des durch ihn hervorgerufenen Schmelzens des arktischen Eises den Zugang zu diesen Vorkommen erleichtert. Die Protestaktion von Greenpeace wollte zum einen auf den Klimawandel und die Notwendigkeit eines Ausstiegs aus fossilen Energieformen hinweisen.

Gleichzeitig geht aber um weit mehr als nur Klimaschutz. Ölbohrungen in der Arktis sind wenig erforscht und der Austritt von Öl ins Meer hätte katastrophale Konsequenzen. Die Natur der Arktis ist einzigartig und die Tiere hier könnten im Falle eines Falles nirgendwohin ausweichen. Die Gazprom-Ölplattform in der Petschorasee gefährdet gleich drei Naturschutzgebiete und ihre Bewohner. Der arktische Ozean hat außerdem nur zwei Eingänge, was bedeutet, dass im Falle eines Lecks das austretende Öl nicht in andere Ozeangebiete ablaufen kann. Und schließlich gibt es aufgrund der Kälte kaum Mikroorganismen, welche das Öl zersetzen können. Kurzum, eine Ölkatastrophe in der Arktis würde die Region für Jahrzehnte radikal schädigen.

Greenpeace vs. Gazprom

Greenpeace wirft Gazprom vor, von der klimabedingten Eisschmelze profitieren und als erster Konzern die Öl-Ressourcen der russischen Arktis ausbeuten zu wollen. Käme es zu einer Katastrophe, sei man dabei völlig handlungsunfähig. Nicht nur sei die Petschorasee an zwei Dritteln des Jahres mit Eis bedeckt, die Katastrophenausrüstung sei überdies über 1000 Kilometer entfernt. Bei Katastrophen in einem Umfang wie Deepwater Horizon wäre man quasi handlungsunfähig. Greenpeace unterstellt Gazprom außerdem mit veralteter Technik zu arbeiten und bisher nur die Hälfte der Plattform überhaupt fertig gestellt zu haben. Technische Probleme und ungenügende Sicherheitsstandards hätten sich schon gezeigt.

Gazprom bestreitet dies natürlich. Für den Konzern geht es in der Arktis aufgrund der schieren Menge an vermutetem Öl und dessen Bedeutung für die russische Wirtschaft allerdings auch um eine Menge Geld. Gazprom ist Russlands größtes Unternehmen, fast vollständig in staatlicher Hand und trägt etwa 10% zu Russlands BIP bei. Für Russland ist das Öl schon lange eine zentrale Einnahmequelle und bedeutend als politisches Gewicht. Den Aktivisten wirft Gazprom vor, durch die Aktion die Sicherheit der Plattform gefährdet zu. Greenpeace bestreitet dies.

Der Crew der Arctic Sunrise wird nun vom russischen Gericht „bandenmäßige Piraterie“ vorgeworfen – mit Haftstrafen von bis zu 15 Jahren. Dass der russische Staat ernst macht, zeigt sich in der Art der Gerichtsverhandlungen und bisherigen Verwehrung von Freilassung auf Kaution. Die Anwälte der Verhafteten haben bei entsprechenden Behörden bereits Beschwerde gegen die zum Teil sehr schlechten Haftbedingungen eingelegt.

Letztes Mittel des Protests?

Greenpeaceaktionen dieser Art sind keineswegs unkontrovers. Mit ihren radikalen Aktionen vor Ölbohrplattformen, Atomkraftwerken oder wie zuletzt im Fußballstadion kommen immer wieder kritischen Stimmen auf, die fragen, wie weit man die Sicherheit der Aktivisten, der Öffentlichkeit, der Arbeiter oder der Protestobjekte mit solchen Aktionen gefährden darf. Gleichzeitig stellt sich aber auch die Frage, was einem noch übrig bleibt, wenn Statements, Forderungen oder gar Verhandlungen und internationale Vereinbarungen keine Wirkung zeigen?

Sicher ist, dass wir einen Ausstieg aus fossilen Energien und Atomkraft innerhalb kürzester Zeit weltweit umsetzen müssen.  Sicher ist, dass wir eine globale Energiewende brauchen, die erneuerbare Energien unter Berücksichtigung regionaler Besonderheiten ins Zentrum stellt. Sicher ist, dass wir Gebiete mit einzigartiger Flora und Fauna schützen müssen vor weiterer Ausbeutung durch den Menschen. Sicher ist, dass wir unser eigenes Konsumverhalten dringend ändern müssen und von der selbstsüchtigen Verschwendung von Ressourcen auf Kosten anderer Menschen, Tiere und Natur abrücken müssen. Und sicher ist auch, dass die Greenpeace-Aktivisten der Arctic Sunrise unseren Respekt verdient haben, weil sie etwas unternommen haben aus der Überzeugung heraus, damit die Welt zum Besseren hin beeinflussen zu können.

Fordere auch du die Freilassung der Greenpeace Aktivisten

Bild: CC Salvatore Barbera, Wikimedia Commons


Marie-Luise Abshagen

Über Marie-Luise Abshagen

Wirklich nachhaltig zu leben ist schwer. Trotzdem und gerade deswegen müssen wir uns immer wieder damit konfrontieren und darüber diskutieren. Das versuche ich unter anderem in diesem Blog. Ich lebe und arbeite in Berlin.

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