In der Falle – ein literarischer Versuch… oder Realität?


Früchte der Gewalt

 

Brief 1

 

Liebe

Heute vor einem Jahr … du erinnerst dich … das Nirwana war für mich damals

zum Greifen nah. Doch ich hatte erneut einen Schutzengel … Was für einen Auftrag

ich wohl durch ihn unterschwellig mitbekommen habe?

 

Und so will ich jetzt noch einen Artikel schreiben … für ‘ImPuls der Zeiten’ …

Es wird wohl um Gedanken von Paul Virilio gehen (“Die Kunst des Schreckens”),

“Schweigen kann nicht Mißbilligung oder Widerstandsfähigkeit bedeuten, sondern

Zustimmung.”

Folglich müssen wir unsere Stimme erheben … in diesen Tagen einmal mehr laut

schreien!!! Es ist nicht zu ertragen, was an der türkischen Grenze geschieht …

nicht für mich. In dieses Land mag ich nicht mehr fahren, auch wenn ich es gerade von

seiner wunderbaren Seite erleben durfte. Doch das scheint mir lange her …

 

“Angenommen, es trifft zu, dass ‘die Humanität gleichbedeutend ist mit einer Hinwendung

zum Universalismus’, dann muss man sich fragen, ob es nicht dem Universalismus der

Vernichtung sowohl der Körper als auch der Umwelt von Auschwitz bis Tschernobyl

gelungen ist, uns von außen zu entmenschlichen, indem er unsere ethischen und ästhetischen

Orientierungspunkte genauso auf den Kopf gestellt hat wie die Wahrnehmung unserer Umwelt?”

Diesen Worten ließe sich noch vieles hinzufügen! Dem gegenüber ist unser eigenes Leben viel zu

klein, um einen großen Aufstand darüber zu machen.

 

Was uns bleiben sollte, ist unser Bemühen, das Schöne, das es trotz allem noch gibt, immer

wieder aufzusuchen … um auch dieses der Welt kundzutun … damit sie sieht, worum es

eigentlich geht … gehen sollte.

In diesem Sinne dir möglichst viel Ruhe.

 

Brief 2

Lieber…,

ich freue mich, dass es dich gibt

Vertrau in die Schöpfung bzw. deinem Schöpfer, er will, dass du noch viel unternimmst…

Was die Türkei angeht, kann ich deiner Argumentation allerdings nicht folgen. Macht ja nix, dass wir da unterschiedlicher Meinung sind. Es ist überhaupt nichts Neues, dass die Kurden in der Türkei unterdrückt werden und das seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Europa hat das aus eigenen wirtschaftlichen und politischen Interessen inszeniert, immer fleißig zugeschaut, hin und wieder mal ein bisschen kritisiert, aber fand und findet das eigentlich ganz ok, solange es den eigenen Interessen dient – und wenn nicht, dann werden die Medien entsprechend parteiisch auf Kurs gebracht, Emotionen angefacht und militärisch eingegriffen und alle finden das ok und haben eine Meinung, sind plötzlich sooo besorgt, dabei ist ihnen gar nicht klar, wie viel Fehlinformationen seit Jahren und Jahrzehnten lanciert wurden und wie viel Meinungsmache, politische Einflussnahme und dauerhafte Spekulation mit im Spiel ist. Wie viele Kurden vermodern seit Jahren unschuldig in Gefängnissen, Zehntausende von Kurden umgebracht, Schulwesen, Infrastruktur, Frauen, Meinungs- und Pressefreiheit, eigene Sprache oder Kultur, alles seit fast einem Jahrhundert im Argen. Das weiß doch jeder, der noch nicht mal Nachrichten hört oder Zeitungen liest.

Die Unterdrückung der Demokratie und der Demonstrationen auf dem Taksim-Platz und die undemokratische Regierungsführung von Erdoğan war in vollem Gange, als du das letzte Mal in die Türkei gefahren bist und ich frage mich, wieso du die Regierungsführung und die Politik mit dem Land und den Menschen in der Türkei gleichsetzt, die auch nichts dafür können, darunter leiden, aber nicht „mal eben“ weg können. So eine Empörung finde ich emotional und egozentriert. Denn anstatt in die Türkei fährst du dann halt in andere Länder, die zukünftige Probleme haben werden, die auch schon lange schwelen. Mit „politischem Bekenntnis“ hat das jedenfalls nicht so viel zu tun. Wenn du ehrlich bist, willst du sorglose und komfortable Urlaube verbringen, dich entspannen und genießen und als besonderen Urlaubsmehrwert persönlichen Kontakt mit ein paar Einheimischen aufnehmen. Dagegen ist gar nichts einzuwenden, aber verwechsle das nicht mit politischem Bekenntnis. Du musst nicht mal verzichten: es bleiben immer genug ferne Urlaubsziele übrig, in die man guten Gewissens fahren kann.

Wer von uns geht hin und meldet sich freiwillig zum Ebola-Einsatz? Das wäre doch mal ein interessantes Urlaubsziel. Das ist jetzt sarkastisch, aber es ist leider wahr: ich hätte dazu keinen Mut!

Liebe Grüße

Text und Bilder Wolfgang Menz
Bilder aus der Serie “Früchte der Gewalt”

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