Der Handel mit den Zertifikaten oder wie fair ist Fairtrade wirklich?


Der Markt mit Zertifikaten boomt. Ob Umweltsiegel, Nachhaltigkeitsauszeichnungen oder Fairtradeaufkleber auf unserem Lieblingsobst: Die Siegel beruhigen uns, denn sie garantieren uns, dass das von uns gekaufte Produkt nachhaltig produziert wurde. Nachhaltig für die Umwelt, für unser Klima oder für die Feldarbeiter- oder am besten gleich alles zusammen.
Doch wie glaubhaft sind diese Zertifikate wirklich? Wie viel davon ist „fair“ und wie viel „trade“?

Siegel schaffen Sicherheit

Unternehmen zahlen viel Geld für die kleinen bunten Bildchen und immer mehr Verbraucher sind bereit, viel Geld dafür auszugeben. Ob Bananen bei Aldi, Schokolade von LIDL oder die Mango aus dem Bioladen- der gewissenhafte Verbraucher greift umso lieber zu, wenn das schwarz-grün-blaue Fairtradesiegel von TransFair darauf zu sehen ist.
Seit 1992 beruhigt es unser Gewissen, versichert uns, dass der Arbeiter der Bananenplantage xy in der Dominikanischen Republik fair bezahlt wird und die Schokolade für 4 Euro pro 100g auch garantiert frei von Kinderarbeit ist. Und dass die Mangopflückerin sicher vor sexuellen Übergriffen durch die Feldaufseher ist.

Faire Produkte als Massenware

Doch jährlich werden weltweit knapp 300.000 Tonnen Fairtrade-Bananen verkauft, ein Drittel davon stammt aus der Dominikanischen Republik – knapp 100.000 Tonnen pro Jahr. Das macht überschlagen ca. 300 Tonnen am Tag. In einem Land so groß wie Niedersachsen, in dem weniger Menschen wohnen als in Baden-Württemberg.
Das ist ohne Schichtarbeit und einen äußerst geringen Arbeitslohn kaum zu realisieren.
Alles sauber, bestätigt Frau De Pena, Direktorin der Kooperative Banelio in der Dominikanischen Republik, die eine Vorzeigekooperative von TransFair ist, in der Arte-Dokumentation.

Ist fair auch dort drin, wo fair draufsteht?

Allerdings widersprechen sich die Angaben über Arbeitszeiten und -rechte, die die haitianischen Einwanderer, die für ca. 4 Euro am Tag arbeiten (das entspricht dem Geldwert der Schokolade aus meinem Eingangsbeispiel!), angeben und über die auch die Kleinunternehmer bereitwillig Auskunft geben.
Es stellt sich die Frage, welche Seite glaubhafter ist. Welchen Grund zum Lügen sollten die Arbeiter haben angesichts der Tatsache, dass ihnen als Involvierte des Modells vom Fairen Handel der Terminus gar nicht bekannt ist und ihr Arbeitsvertrag aus nicht viel mehr als ihrem Namen, dem Einstellungsdatum und ihrem Fingerabdruck besteht. Kündigungsschutz, Mindestlohn, Recht auf Urlaub, Krankengeld? Fehlanzeige.

Eine umfassende Prüfung ist nicht gewährleistet und die Bestimmungen sind oft ungenau.

Aber das Fairtrade-Siegel soll ja auch vor allem organisierte Kleinunternehmer stärken und nicht deren Leih- oder Saisonarbeiter. Es wäre natürlich ein netter Nebeneffekt, aber eine umfassende Überprüfung findet kaum statt. Wie auch, wenn die Prüfungsstelle Flo Cert ein Tochterunternehmen von TransFair ist und natürlich wenig Interesse daran hat, den Partner zu verprellen?
Zumal Arbeiterrechte und -schutz in den Richtlinien für die Vergabe des Zertifikats nach europäischen Standards festgelegt sind, Kleinunternehmer in Südamerika oder Afrika aber nie gelernt haben, einen solchen Vertrag aufzusetzen. Es wäre beispielsweise nötig, sie fortzubilden, mit Arbeitsverträgen vertraut zu machen. Doch nichts dergleichen geschieht.
Die Idee ist gut und wichtig, aber die Umsetzung nicht einmal ansatzweise ausreichend.

Der Handel mit der Fairness

Da das Siegel immer häufiger und immer flächendeckender auftritt, stellt sich auch die Frage, was letztendlich zählt: Wird dem „Fair“ oder dem „Trade“ die größere Bedeutung zugeschrieben?
Denn die Fairtrade-Bestimmungen für die Vergabe des Siegels legen nicht fest, wie hoch die Gewinnspanne des Großkonzerns bezüglich des fair gehandelten Produkts sein darf, das er vertreibt.
Und das Potenzial des fairen Handels als kommerziell nutzbares Modell hat man längst erkannt. Fairtrade ist hip, cool, beruhigend. Natürlich fühlen wir uns besser, wenn unsere Ananas ein Siegel trägt, das sie als „gut“ kategorisiert. Dafür zahlen immer mehr Verbraucher auch gerne den – gerechtfertigten? – Preis. Und eigentlich ist es auch nicht die Aufgabe des Konsumenden, jedes Siegel zu hinterfragen – oder?

Unsere Verantwortung als Konsumenten

Wo Fairtrade draufsteht, sollte auch Fairtrade drin sein. Zumal wir ohnehin genug damit zu tun haben, uns überhaupt im Siegeldschungel aus Bio-, Öko-, Fairtrade- und Klimaschutzzertifikaten zurechtzufinden. Doch leider macht es – außer preislich – leider oft kaum einen Unterschied, ob und von wem die Bananen zertifiziert sind.

Es wird sich zeigen, ob am Ende das Geld oder das Gewissen die Oberhand hat und uns stellt sich die Frage, ob wir bereit sind, für unseren Obstsalat Ausbeutung und Umweltzerstörung hinzunehmen oder nicht und wenn nein, wie wir uns verhalten.
Wir können uns informieren, Waren boykottieren, Petitionen und offene Briefe schreiben, unsere Freunde informieren. Indem wir das Problem publik machen, steigt die Chance, dass mehr Menschen etwas dagegen unternehmen wollen. Die Idee, Produkte aufgrund ihrer Nachhaltigkeit oder ihres ökologischen Fußabdrucks zu zertifizieren ist gut und sicherlich besteht bei den zertifizierten Produkten eine wesentlich höhere Chance, dass sie fair und nachhaltigproduziert wurden –  aber eben keine hundertprozentige Sicherheit. Es besteht Verbesserungsbedarf und dieser muss benannt und die Zertifizierung aus Profitgründen unterbunden werden. Auch dieser Blogbeitrag soll dies verdeutlichen. Wir als Konsumenten haben eine nicht geringe Macht und können durch unseren Einkauf und unsere Forderungen dazu beitragen, dass schon bald die Fairtradekennzeichnung ausschließlich wirklich fair erwirtschaftete Produkte ziert und uns so tatsächlich die Sicherheit gibt, die wir uns wünschen.


Die arte-Dokumentation zum Thema gibt es hier

Bild: Laila Riedmiller


Laila Riedmiller

Über Laila Riedmiller

Immer mehr Menschen leben vegetarisch oder schränken zumindest ihren Fleischkonsum ein, sie kaufen regional ein und fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Das reicht vielleicht noch nicht aus,um das Klima zu retten, doch es ist ein wichtiger Schritt. Je mehr ökologisches Handeln ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, umso eher kann es auch im Bewusstsein der Gesellschaft verankert werden. Ich lebe und studiere in Bonn.


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Ein Gedanke zu “Der Handel mit den Zertifikaten oder wie fair ist Fairtrade wirklich?

  • maxii

    Wir müssen in der Schule einen Vortrag machen und hätten eine kurze Frage zu diesem Blogg. Wir verstehen nicht ganz was sie damit meinen. Ist Fairtrade fair oder lügt diese Filiale?
    wir hoffen auf eine schnelle Antwort.
    Liebe Grüsse
    maxiii