Die Pegida-Verschwörung


Liebe Pegida,

seit Herbst haltet Ihr Deutschland und die Welt in Atem – Ihr haltet mich in Atem. Es ist beeindruckend, wie Ihr es geschafft habt, die Medien bzw. die Lügenpresse dazu zu bewegen, über Euch zu berichten. Ihr habt gerufen „Wir sind das Volk“. Ihr seid für Eure Überzeugungen, Eure Ängste und für Eure Unzufriedenheit auf die Straße gegangen – man hat Euch gehört! Ihr könnt stolz auf Euch sein. Da war viel Kraft, viel Mut und Durchhaltevermögen im Spiel. Und Ihr habt Recht! Man muss auf die Straße gehen, demonstrieren – das Volk, wenn man das so ausdrücken will, muss sichtbar sein. In Zeiten postdemokratischer Umstrukturierung von Staat und Gesellschaft ist es quasi Bürgerpflicht, für Demokratie und Teilhabe zu kämpfen. Es gibt zu viele Kräfte, die unser demokratisches System in Frage stellen – grundlegend und elementar. Das dürfen wir nicht zulassen!

Und dann das! All diese Kraft und Energie, die Unzufriedenheit und Ausdauer richtet Ihr nicht gegen echte Probleme wie TTIP, die EURO- und Bankenrettung, den wachsenden Niedriglohnsektor, die Ungerechtigkeit in der Verteilung des Vermögens oder einfach dagegen, dass unser Wahlsystem nur noch Fassade ist, Wahlversprechen PR sind und unseren Politikern die Meinung des „Volkes“ so ziemlich Schnuppe ist – es gibt so viel wogegen man auf die Straße gehen kann. Aber nein! Ihr lasst Euch aufhetzen gegen eine Religionsgemeinschaft. Habt Angst vor Überfremdung durch den Islam. Berauscht von Eurer Xenophobie lauft Ihr Eure patriotischen Meilen mit Kerzen in der Hand in den deutschen Städten und seht gar nicht, dass die Überfremdung tatsächlich aus einer anderen Himmelsrichtung kommt. Es sind nicht die Ausländer, die Euch Eure Jobs wegnehmen wollen. Ausländer sind nicht per se kriminell und die Zuwanderung in die Sozialsysteme ist ein Ammenmärchen. Was Euch die Jobs wegnimmt, Euch in den Niedriglohnsektor zwingt und Eure Existenz bedroht, ist der Markt, ist die noch lange nicht überwundene Finanzkrise, ist die gewissenlose Umverteilung von Unten nach Oben. Eure Kultur wird eher durch TTIP und CETA bedroht, als durch Döner und Kopftuch. Eure Freiheit wird nicht von Mohamed oder ein paar Salafisten, die einen Gottesstaat errichten wollen, infrage gestellt – Eure Freiheit wird bedroht durch die NSA und den BND, die still und nicht mehr wirklich heimlich an einen Überwachungsstaat bauen.

Kurzum: Es gibt sehr viel, das unsere Freiheit und die Art, wie wir leben, bedroht – der Islam ist es nicht! Ihr habt so viel Kraft und Energie investiert, habt große Teile der Gesellschaft indirekt dazu aufgefordert dasselbe zu tun. Wie viele NoPegida-Demonstrationen hat es gegeben? Wie viele Menschen sind gegen Euch auf die Straße gegangen, um sich selbst und der Welt zu beweisen, dass Ihr nicht die Stimme des Volkes seid? Und was hat all das gekostet? Kraft und Energie, die man hätte sinnvoll einsetzen können. Eure irrationalen Ängste und Ressentiments haben andere dazu aufgefordert, Euch zu widersprechen. Ihr habt das Land gespalten. Ihr habt die Medien-Agenda bestimmt mit einem Thema, das es aus meiner Sicht eigentlich nicht wert ist. Ihr habt Aufmerksamkeit gekostet, die bei ernsthaften Themen fehlte. Pegida als Dauerbrenner und Scheindebatte in den Medien verhinderte wichtige gesellschaftliche Diskussionen, die hätten geführt werden müssen. Wohin hat das geführt? Zu nichts!

Zum Schluss noch eine kleine Verschwörungstheorie – als europäische Patrioten mögt ihr das sicher.

Die Pegida-Verschwörung als Beschäftigungstherapie*

Die Lügenpresse, namentlich Bild und Spiegel, haben seit Jahren den Nährboden für eure islamophoben Ressentiments geschaffen. Immerhin ist das Thema Überfremdung in den Medien schon seit Jahren immer mal wieder auf den Titelseiten gelandet. Ziel war es, das Volk zu ängstigen. Rechte Gruppen, die mittels V-Männer und Steuergeld durch den Verfassungsschutz am Leben erhalten und dadurch staatlich domestiziert werden, haben den Auftrag bekommen, Stimmung zu machen. Die Beweise für die Verstrickungen zwischen Verfassungsschutz und dem faschistoiden Untergrund sind leider im Rahmen der NSU-Ermittlungen im Reißwolf verschwunden. Ziel der Aktion war es allerdings, die Bürger, die eigentlich viele gemeinsame politische Interessen haben, gegeneinander aufzuhetzen. Teilen und Herrschen lautete die Devise. Statt gegen wirkliche Probleme zu agieren, wurde eine Scheindebatte kreiert, die viel Kraft und Aufmerksamkeit kostet. Eine der ersten Aktionen war „Hooligans gegen Salafisten“, doch das besaß nicht genug Charme. Daraufhin beschloss man, die Montagsdemos, die man als Auffangbecken für die vielen Verirrten, Verwirrten und Unzufrieden geschafften hatte, weiter zu instrumentalisieren. Eine neue Bewegung war geboren – Pegida. Man vermischte die allgemeine Unzufriedenheit über den Umbau unserer Gesellschaft im Rahmen der anarchokapitalistischen und neoliberalen Agenda mit einem simplen Rassismus. Dieser war die Sollbruchstelle, an der sich die Gesellschaft reiben und aufheizen sollte. Durch zentral gelenkte mediale Aufmerksamkeit wurdet Ihr groß geschrieben, wurdet zum bestimmenden Thema. Zunächst waren alle verwundert, was da passiert ist. Dann ging die Debatte los. NoPegida formierte sich. Vermutlich wurden durch den Verfassungsschutz auch linke Gruppen angehalten, Euch zu bekämpfen. Dann machten alle mit – Sie lehnten Pegida ab oder aber waren Pegidaversteher. Am Anfang sollte Pegida nur durch Masse beeindrucken, als Stimme des Volkes. Als es Zeit wurde, die Bewegung sterben zu lassen, hat man sich dazu entschlossen, Gesichtern wie Herrn Bachmann und Frau Oertel mehr Aufmerksamkeit zu geben. Nach altem Muster: Großmachen und dann medial zerstören. Streit in die Bewegung bringen. Pegida zersplittert – das Ende ist nah.

Und warum das Ganze? Ganz einfach: Wenn alle sich gegenseitig bekämpfen, nach unten oder zur Seite treten, dann schaut niemand nach oben. Eure Unzufriedenheit wurde auf ein Thema gelenkt, dass für die da oben beherrschbar war und keinen tiefgreifenden Schaden anrichten konnte. Ihr habt nicht die Systemfrage gestellt: Wollen wir in einem plutokratischen Überwachungsstaat leben, in dem durch ökonomischen Terror, sinnentleerter Unterhaltung und nutzlosem Konsum die Menschen auf Spur gehalten werden? Sollen wir uns mit TTIP dem Neoliberalismus vollends unterwerfen und unser Leben in einer ausgedünnten marktkonformen Demokratie fristen? Gibt es Alternativen oder ist es wirklich alles so alternativlos, wie Mutti immer sagt? Pegida war schon immer als Ablenkungsmanöver geplant. Es war eine Beschäftigungstherapie – ein Ball, den man ins Gehege wirft, damit die Tiere was zum Spielen haben. Alle haben mitgemacht und haben gekämpft. Jetzt wird es Zeit sich zurückzulehnen und das positive Gefühl, das man auch hat, wenn man eine Online-Petition unterzeichnet, zu genießen. Jeder für sich, egal ob Pegida oder NoPegida ist davon überzeugt, etwas Gutes getan zu haben. Man hat aber auch erkannt, dass Demonstrieren anstrengend ist und letztlich nichts verändert. Es wird dauern, bis man wieder so unzufrieden ist, dass man auf die Straße geht – man ist politisch satt. Die Gemüter haben sich aufgeheizt und wieder entspannt – jetzt kann es wie gewohnt weitergehen. Das war das Ziel von Pegida – eine riesige Verschwörung – Beweise braucht es nicht, denn alles baut schlüssig aufeinander auf. Man muss nur fragen: Cui bono? Wem nützt es?

*Achtung Satire!

Bild: Kollage von ImPuls der Zeiten


Mario Stock

Über Mario Stock

Als Politikwissenschaftler liegen mir besonders die Themen Demokratie und Gerechtigkeit am Herzen. Als viel interessierter Bürger betrachte ich mich aber eher als Allrounder mit Hang zum Philosophischen. Der Blog „ImPuls der Zeiten“ soll eine Keimzelle der Zukunft sein, den gesellschaftlichen Dialog fördern und neue Wege gehen. Ich wirke und lebe in Berlin.

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