Elektroschrott auf Weltreise


Kunst meets Politik. Ein weites Feld mit vielen Möglichkeiten. Ein ambitioniertes Fotoprojekt hat es unserer Gastautorin Julia Gause besonders angetan. Hier stellt sie es vor:

Agbogbloshie. Ein Zungenbrecher, für mich bis vor kurzem ohne wirkliche Bedeutung. Es könnte sich um eine außergewöhnliche kulinarische Spezialität oder einen Fußballspieler handeln. Doch nun weiß ich: Agbogbloshie, das ist ein Stadtteil in Ghanas Hauptstadt Accra und zugleich Heimat des wohl größten Elektroschrottplatzes dieses Planeten.

Gestolpert bin ich über diesen surrealen Ort dank des Hamburger Fotografen Kevin McElvaney. Er hatte im vergangenen Jahr Menschen portraitiert, die auf, mit und von Agbogbloshie leben. Seine Bilder erzählen die Geschichte von Menschen, deren Fluch und Segen unser Müll ist. In Hamburg feierte seine Ausstellung im Juni Premiere, nun geht sie auf Reisen. Grund genug, die Hintergründe zu dem Ort, an dem die Bilder entstanden sind, zu beleuchten.

Schon seit den 90er Jahren werden immer mehr elektronische Geräte aus den „entwickelten“ Ländern nach Afrika exportiert. „Entwicklungshilfe“ nennt sich das, und der ursprüngliche Gedanke war sicherlich ein guter: Elektro-Geräte, die von vielen Menschen in Europa oder den USA nicht mehr gewollt waren, weil sie nicht mehr den neuesten Stand der Technik entsprachen, werden denjenigen zur Verfügung gestellt, die sich eben diesen neuesten Stand der Technik nicht leisten können.

Doch längst gelangen nicht mehr nur funktionierende Geräte nach Afrika. Im Hafen von Tema nahe Accra landen heutzutage monatlich etwa 600 Container – 80% davon sind als Entwicklungshilfe getarnter Schrott. Das ist eindeutig illegal. Schon 1989 wurde die Basler Konvention verabschiedet, welche die grenzüberschreitende Verbringung gefährlicher Abfälle und ihrer Entsorgung regelt. Demnach darf Müll nur in Staaten eingeführt werden, die über Einrichtungen zur fachgerechten Entsorgung verfügen. Auch Deutschland ist seit 1995 Vertragspartner. Übrigens im Gegensatz zu den USA, die das Abkommen als einziges entwickeltes Land noch nicht ratifiziert haben. Auch die EU und ihre Mitgliedsstaaten haben sich 2006 dazu verpflichtet, nicht nur die Basler Konvention in gemeinschaftliche Rechtsvorschriften zu übersetzen, sondern auch das Risiko der Verbringung nicht kontrollierter Abfälle zu verringern.[1]

Jede Menge gut gemeinter Regeln also. Und doch ist es unser Schrott, der sich auf den Fotos aus Accra zeigt. Beweisen tut das eine Dokumentation, deren erster Teil vor kurzem im NDR gezeigt wurde: Unter der Devise Follow the Money hatten Journalisten einen defekten Fernseher mit einem Peilsender ausgestattet und seine illegale Reise verfolgt. Es wird deutlich: Viele Menschen verdienen am illegalen Geschäft mit dem Elektroschrott, das Geschäft ist längst professionalisiert. Denn ein defekter Röhrenfernseher, der in Deutschland nur noch einen tatsächlichen negativen Wert hat, lässt sich in Afrika noch für 3,00 bis 11,00 € verkaufen. Dass bei dieser Wertschöpfung nicht nur Gesetze missachtet sondern auch die Gesundheit zahlreicher Menschen gefährdet wird, zeigen Kevin McElvaneys Bilder. Dunkler Rauch ist auf fast allen von ihnen zu sehen, Flammen im Hintergrund. Sie stammen von den Versuchen der jungen Menschen, Kupfer aus den angelieferten Geräten freizulegen. Mit Hilfe von Styropor oder Schaumstoff werden die Kunststoffummantelungen weggeschmolzen – eine Katastrophe für Mensch und Umwelt. Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Augen- und Lungenschäden sind nur kurzfristige Effekte der Arbeit in Agbogbloshie. Chronische Bleivergiftung, Krebs und neurologische Schäden sind die langfristigen. So überrascht es nicht, dass die Portraits Kevin McElvaneys fast durchgehend Kinder und Jungendliche zeigen, kaum einer älter als 25. Zwar sind sich viele von ihnen der Gefahren bewusst. Dennoch sehen sie kaum andere Chancen, sich und ihre Familie zu ernähren. „Ohne Bildung“, so sagte der 19-Jährige Adams Alhassan zu Kevin, „ist es fast unmöglich einen anderen Job in Accra zu bekommen.“[2]

Wer mehr über Kevin McElvaneys Ausstellung wissen oder sie sogar in seine eigene Stadt holen möchte, nimmt am besten direkt mit ihm Kontakt auf.

Unbedingt empfehlenswert ist der Film zum Projekt: „Follow the Money – was passiert mit meinem Schrottfernseher?“. Mehr hier!

[1] Verordnung Nr. 1013/2006 des Europäischen Parlaments und des Rates (vom 14. Juni 2006) über die Verbringung von Abfällen.
[2] so gelesen auf der Ausstellung „Agbogbloshie –Photo Exhibiton“ 6.-8. Juni in Hamburg.


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