Wunderbare Vielfalt des Miteinanders – Der Karneval der Kulturen in Berlin


Nachhaltigkeit, das sind vier ineinander verschmelzende Dimensionen: Ökologisches, Ökonomisches, Soziales und Kulturelles. Bei einem nachhaltigen Leben gehört für mich deshalb ganz weit oben auch dazu, wie man mit den Menschen in seiner Umwelt umgeht. In diesem Falle geht es um den Umgang mit Menschen anderer Kulturen.

Wirklich nachvollziehen konnte ich es eigentlich noch nie, wenn es jemanden gestört hat, dass wir in Deutschland mittlerweile eine kunterbunte Vielfalt an Biographien finden können. Sprüche wie „Ich finde es nicht gut, dass eben im Bus wieder keiner Deutsch gesprochen hat“ haben mich immer verwundert. Nicht nur, weil ich Fremdenfeindlichkeit an sich nicht nachvollziehen kann, sondern weil ich solche Argumente schlichtweg zu kurz gedacht finde. Denn mal ehrlich, welcher Deutsche (oder Deutschmuttersprachler) würde sich denn im Ausland mit einem anderen Deutschen nicht auf Deutsch sondern in der dortigen Landessprache unterhalten?

Wenn ich Menschen begegne, die Mitbürger anderer kultureller, religiöser oder sonstiger Hintergründe diskriminieren oder „misstrauen“, frage ich mich, ob es einfach am Erfahrungsreichtum dieser Menschen mangelt. Dann überlege ich, was meine Einstellung zu Multikulturalismus geprägt hat. Als Kinder haben wir auf der Straße in unserer Kleinstadt mit den Kindern gespielt, die da noch so wohnten, egal ob sie aus Sri Lanka kamen oder Kurden waren. Außerdem bin ich mittlerweile recht viel gereist und habe in dem einen oder anderen Land schon länger gelebt, um die Perspektive des Ausländer-Seins ansatzweise nachvollziehen zu können. Müssen fremden- und fremdkulturfeindliche Menschen also mehr reisen?

Dass man Fremdenfreundlichkeit und ein friedliches Miteinander auch ohne viel in der Welt herumzukommen erreichen kann, zeigen in Deutschland organisierte Feste, deren Ziel es ist, Vielfalt zu präsentieren, zu zelebrieren und zu fördern. Bestes Beispiel: der Karneval der Kulturen in Berlin.

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Seit 1996 wird dieses große Volksfest im Herzen Kreuzbergs, einem sehr multikulturellen Stadtteil in Berlin, abgehalten. Mit einem mehrere Stunden dauernden Umzug präsentieren sich zahlreiche Kulturen der Stadt in bunten Kostümen, auf prall geschmückten Wagen und mit waghalsigen Tänzen und Kunststücken vor dem Publikum sowie einer Jury, die besonders originelle Ideen mit Preisen auszeichnet. Hintergrund des Festes liegt seit Beginn in der 1993 gegründeten Werkstatt der Kulturen in Berlin-Neukölln, welche als ein Forum für Dialog und Begegnungen zwischen den heute 860.000 in Berlin lebenden Menschen mit Migrationshintergrund und allen Interessenten dient und vom Berliner Senat gefördert wird.

Der Karneval und die Werkstatt leisten somit einen wichtigen Teil für eine friedliche Integration, für Zugehörigkeit sowie für Selbstbewusstheit dem eigenen Hintergrund gegenüber. Und einer Erlebbarkeit von Berlins Internationalität. Denn nicht nur die Teilnehmer, sondern auch die Zuschauern sind bunt gemischt. Ich beispielsweise konnte dieses Erlebnis mit einem Deutschen, einem Taiwaner und einem Iraner teilen.

Und warum ein Karneval? Die Veranstalter erklären es so: „Karneval ist Ausbrechen aus engen Verhältnissen. Karneval ist Stolz und Freude an der Selbstinszenierung, an der Selbstdarstellung im sozialen und kulturellen Zusammenhang einer Gruppe. Karneval fördert und stimuliert populäre Kunst und Kultur – und dies auf höchstem Niveau.“

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Rassismus ist in Deutschland leider noch ein alltägliches Problem. Ob in groß angelegtem Stil wie im NSU, im schiefen Blick auf einen anders aussehenden Mitbürger oder im zuweilen menschenverachtenden Umgang mit Flüchtlingen. Es ist noch viel zu tun, bis wir unser demokratisches und menschenrechtliches Ideal tatsächlich erreichen. Momente wie der Karneval der Kulturen zeigen aber, dass unsere Gesellschaft auf dem richtigen Weg ist.

Fotos: Marie-Luise Abshagen


Marie-Luise Abshagen

Über Marie-Luise Abshagen

Wirklich nachhaltig zu leben ist schwer. Trotzdem und gerade deswegen müssen wir uns immer wieder damit konfrontieren und darüber diskutieren. Das versuche ich unter anderem in diesem Blog. Ich lebe und arbeite in Berlin.

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