Adam Smith: die Moral des freien Marktes (Teil 4)


In Zeiten der allgegenwärtigen Krise bekommen wir Magenschmerzen, wenn wir an den Liberalismus, oder schlimmer noch den Neoliberalismus, denken. Begriffe wie „Liberalisierung“ oder „Deregulierung“ wirken auf uns äußerst bedrohlich, denn oft bedeuten sie für uns nichts Gutes: Arbeitsplätze werden wegrationalisiert, Dinge, die einst der Allgemeinheit zur Verfügung standen, erhalten einen Preis. Der Kapitalismus und der Wettbewerb sind in einer liberalen Weltordnung universell und überall zugegen. Wir denken der Kapitalismus und die Moral wären zwei grundverschiedene Dinge, aber ursprünglich gehörten sie zusammen. Diese Artikelserie geht den Theorien des Urvaters des Wirtschaftsliberalismus, Adam Smith, auf den Grund.

Teil 1: Wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht!

Teil 2: Smiths Theorie der ethischen Gefühle

Teil 3: Die Moral und der Liberalismus

Teil 4: Den Liberalismus wiederbeleben

Teil 4: Den Liberalismus wiederbeleben

In schwierigen Zeiten muss man kurz inne halten und noch einmal zurückschauen, wo man überhaupt herkommt. Wir leben heute in einer kapitalistischen Welt, in der es alles andere als gerecht zugeht. Wir denken Kapitalismus und Moral wären zwei grundverschiedene Dinge, aber ursprünglich gehörten sie unmittelbar zusammen. Ja, der freie Markt funktioniert bei Smith sogar nur aufgrund moralischer Konventionen.

Wieso haben wir aber heute einen so genannten „Raubtier-Kapitalismus“?

Unsere Märkte (oder sollten wir nur noch von einem einzigen globalen Markt sprechen?) sind überhaupt nicht frei. Statt Liberalismus gibt es Parteilichkeit. Staatliche Einflussnahme kann man heute überall beobachten. Sie findet statt, wenn von IWF und Weltbank Entwicklungsgelder und Kredite an afrikanische, asiatische oder krisenschwache europäische Länder gezahlt werden. Wenn als Gegenleistung dereguliert und liberalisiert werden muss. Wenn Wasser, das eigentlich Allgemeingut ist, privatisiert wird und wenn funktionierende Märkte für Großkonzerne wie Monsanto oder Nestle geöffnet werden müssen. Tatsächlich gibt es in vielen Bereichen keinen freien Handel mehr, denn übermächtige Firmen bestimmen Preise und Arbeitsbedingungen und können uneingeschränkt agieren, weil die Staaten diese Unternehmen subventionieren und ihnen per Gesetz einen Wettbewerbsvorteil einräumen. Die Vielzahl von Lobbyisten im Umfeld unserer Politiker zeigt auch deutlich, dass gegen die Prinzipien des smith’schen Liberalismus verstoßen wird. Immerhin war es ja genau das, was Smith überwinden wollte: die Beeinflussung der politischen Regeln durch ökonomische Eliten. Statt sich auf das Geschäft zu konzentrieren, betreiben Konzerne Politik und wollen die Regeln ändern. Die Politik wiederum lässt sie gewähren, obwohl dadurch der Wohlstand aller auf dem Spiel steht. Bereiche werden der Wirtschaft geöffnet, die der ökonomischen Logik versperrt bleiben müssten. Staaten führen Kriege für Rohstoffe aber auch aus wirtschaftlichen Interessen. Allein das widerspricht schon der Logik des freien Marktes, denn wie kann ein Staat wirtschaftliche Interessen haben, wenn er sich doch aus wirtschaftlichen Angelegenheiten möglichst heraushalten sollte? Auf einem freien Markt sind Rohstoffe Handelsware und nicht Kriegsbeute.

Der Staat darf nur den Rahmen setzen und muss verhindern, dass der freie Markt negative Effekte auf die Gemeinschaft ausübt. Er darf nicht Steuergelder verwenden, um einen Niedriglohnsektor zu subventionieren. Er muss verhindern, dass große Firmen unser Geld abschöpfen, um es dann ohne Steuern zu zahlen, still und heimlich außer Land zu schaffen. Die Politik ist parteiisch und auf Seiten der Hersteller, Händler und Banken, statt die Verbraucher oder Arbeiter vor negativen Einflüssen zu schützen. Die Politik schreitet selten entschieden ein, obwohl es notwendig wäre. Sie ignoriert ihre Kernaufgaben. Nicht ein freier Markt herrscht international, sondern riesige politisch gestützte Oligopole. Das widerspricht der Logik des freien Marktes fundamental.

545737_10150821390115339_1152820884_nDie „Unsichtbare Hand“ verteilt nur nach oben und ist ein Ergebnis einer zu engen Verbindung zwischen Politik und Wirtschaft. Die Institution Staat versagt in einer ihrer Grundfunktionen, was letztlich auch eine Schwächung ihrer Legitimation bedeutet. Die kapitalismus-kritischen Protestbewegungen unserer Zeit kann man durchaus als Folge dieses Versagens deuten. Liberalismus bedeutet nicht nur, dass der Staat sich aus dem Markt weitgehend raus hält, sondern auch, dass sich die Politik nicht von der Wirtschaft einverleiben lassen darf. Es muss klare Grenzen zwischen beiden Bereichen geben. In unserer ökonomisierten und postdemokratischen Zeit müssen die verstaubten Bücher mal wieder gelesen werden, denn wir könnten viel lernen!

 

Empfohlene und verwendete Literatur:

Adam Smith (1776) “Wohlstand der Nationen” und (1759) “Theorie der ethischen Gefühle”

Ballestrem, Karl Graf (2001): Adam Smith. München.

Andree, Georg Johannes (2003): Sympathie und Unparteilichkeit: Adam Smiths System der natürlichen Moralität. Paderborn.

Manstetten, Reiner (2000): Das Menschenbild der Ökonomie: der homo oeconomicus und die Anthropologie von Adam Smith. München.

Bilder:

Illusion of choice / Andreas Weck

Flickr.com – Daniela Hartmann – Financial Crisis / Finanzkrise – CC-BY-NC-SA 2.0


Mario Stock

Über Mario Stock

Als Politikwissenschaftler liegen mir besonders die Themen Demokratie und Gerechtigkeit am Herzen. Als viel interessierter Bürger betrachte ich mich aber eher als Allrounder mit Hang zum Philosophischen. Der Blog „ImPuls der Zeiten“ soll eine Keimzelle der Zukunft sein, den gesellschaftlichen Dialog fördern und neue Wege gehen. Ich wirke und lebe in Berlin.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>