Adam Smith: die Moral des freien Marktes


In Zeiten der allgegenwärtigen Krise bekommen wir Magenschmerzen, wenn wir an den Liberalismus oder, schlimmer noch, den Neoliberalismus denken. Begriffe wie „Liberalisierung“ oder „Deregulierung“ wirken auf uns äußerst bedrohlich, denn oft bedeuten sie für uns nichts Gutes: Arbeitsplätze werden wegrationalisiert, Dinge, die einst der Allgemeinheit zur Verfügung standen, erhalten einen Preis. Der Kapitalismus und der Wettbewerb sind in einer liberalen Weltordnung universell und überall zugegen.

Das, was wir heute als Marktwirtschaft bzw. Kapitalismus kennen, fußt auf den Theorien des Philosophen Adam Smith. In seinem 1776 erschienen Werk „Der Wohlstand der Nationen“ plädierte der schottische Moralphilosoph für einen freien Markt, der vor staatlichen Interventionen geschützt ist und begründete so den Wirtschaftsliberalismus.

Smiths Wohlstand der Nationen

Smith erkannte, dass viele Menschen, vor allem wohlhabende, der Täuschung erlegen sind, dass materieller Wohlstand glücklich machen würde. Dieser Irrglaube halte die Wirtschaft am Laufen, denn jeder versuche maximale Erträge aus seinem Land oder seinen Handwerk zu erzielen. Durch die Gier und dem Wunsch nach maximalen Erlös werden so tausende Arbeiter beschäftigt. Dafür erhalten sie Lohn. Weil aber die Reichen nur wenig mehr konsumieren könnten als arme Menschen, bieten diese am Markt die Überproduktion an. Den Erlös investieren sie in Luxusgüter, welche wiederum produziert werden müssen. Wie durch eine „Unsichtbare Hand“ verteilen die Reichen durch ihren Egoismus die lebensnotwendigen Güter also so, als wäre die Welt gerecht aufgeteilt worden. Damit dieser natürliche Verteilungs-Vorgang aber funktionieren kann, braucht man ein System natürlicher Freiheit, sprich den Markt, der nicht durch den Staat überreguliert ist.

Der französische Philosoph Michel Foucault fasst es so zusammen:

„Gott sei Dank kümmern sich die Leute nur um ihre Interessen, Gott sei Dank sind die Händler vollkommene Egoisten und diejenigen unter ihnen selten, die sich um das allgemeine Wohl sorgen, denn wenn sie anfangen, sich um dieses Wohl zu sorgen, würden die Dinge beginnen nicht mehr zu funktionieren.“ (Michel Foucault „Geburt der Biopolitik“)

Oder ganz banal könnte man sagen: „Wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht!“

Im Grunde ist dies scheinbar der Kern der smith’schen Theorie. Durch den Egoismus eines jeden Menschen funktioniert der Markt. Über den Markt werden alle Güter verteilt und weil jeder seinen Vorteil verfolgt, erhält man so den größten Nutzen aller. Kurz und bündig: die unsichtbare Hand. Smith beschreibt den freien Markt also als Mechanismus zur Erlangung von Verteilungsgerechtigkeit und Wohlstand für jeden. Der Staat bzw. die Politik kann das aber nicht leisten, denn sie haben weder das Wissen, noch den natürlichen Trieb, ökonomische Prozesse zum Wohle aller zu lenken. Und betrachtet man die Mangelwirtschaft in kommunistisch bzw. planwirtschaftlich organisierten Staaten, wird man dieser These wohl zustimmen müssen. Aber offenbar funktioniert diese natürliche Verteilung auch in unserer neoliberalen Welt nicht optimal. Ungerechtigkeit und Armut gehören genauso zum Kapitalismus, wie grenzenloser Reichtum. Woran liegt das? Hat sich Adam Smith mit seinem Liberalismus und seiner „Unsichtbaren Hand“ geirrt?

Ich sage: Nein. Vielmehr glaube ich, dass Smith nicht richtig verstanden wurde. Der Urvater des Liberalismus wird zu oft verkürzt und vereinfacht dargestellt. Viele wissen nicht einmal, dass Smith eigentlich ein bedeutender Moralphilosoph war, der danach fragte, wie wir Menschen gemeinsame ethische Werte finden und wie wir zu einem harmonischen Miteinander gelangen können. Tatsächlich macht der „Wohlstand der Nationen“ ohne sein Werk von 1759 „Die Theorie der ethischen Gefühle“ nur wenig Sinn.

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Smiths Theorie der ethischen Gefühle

Obwohl Smith den „homo oeconomicus“, den egoistischen und Nutzen maximierenden Wirtschaftsmenschen, mit keiner Silbe in seinen Büchern erwähnt, wird oft behauptet, dass er Teil seiner Theorie wäre. In Wirklichkeit ist sein Menschenbild aber weitaus differenzierter. Smith beginnt seine Theorie mit der Erkenntnis, dass neben egoistischen Interessen auch altruistische Neigungen in der Natur des Menschen liegen. Er schreibt:

„Mag man den Menschen für noch so egoistisch halten, es liegen doch offenbar gewisse Prinzipien in seiner Natur, die ihn dazu bestimmen, an dem Schicksal anderer Anteil zu nehmen, und die ihm selbst die Glückseligkeit dieser anderen zum Bedürfnis machen, obgleich er keinen anderen Vorteil daraus zieht, als das Vergnügen, Zeuge davon zu sein.“ (Adam Smith “Theorie der ethischen Gefühle”)

Der Mensch ist also ein geselliges Wesen. Er hat den Wunsch am Schicksal anderer teilzuhaben und Gefühle mit seinen Mitmenschen zu teilen. Das gemeinschaftliche Mitfühlen, was Smith die Sympathie nennt, ist die Grundkraft des menschlichen Zusammenlebens. Auf Basis von Emotionen gelangen wir zu Urteilen über Handlungen und schließlich zu ethischen Werten, die für eine Gemeinschaft fundamental sind. Doch wie geht das?

Smith nennt es das Sympathisieren. Am Anfang steht der menschliche Wunsch, dass man mit anderen mitfühlen möchte, also mit ihnen zu sympathisieren. Man möchte aber auch selbst Objekt solch eines Sympathisierens sein. Andere sollen an meinem Leben teilhaben und mit mir mitfühlen. Es ist dem Menschen ein natürliches Bedürfnis das Glück aber auch Unglück anderer beobachten zu können. Allein das große Interesse an Soap Operas, Dramen und Liebesfilmen scheint dies zu beweisen.

Dieses Mitfühlen bzw. Sympathisieren funktioniert laut Smith durch die Fähigkeit zur Imagination, also der Vorstellungskraft. Weil wir in der Lage sind, uns in andere hineinzuversetzen, können wir uns fragen: Wie würde ich mich in dieser Situation fühlen? Wie würde ich handeln? Und wir finden auf solche Fragen stets eine Antwort und vergleichen uns mit dem Beobachteten. Je mehr wir über die Hintergründe wissen, um so besser gelingt uns das. Ein Mann, der seine Frau wütend anschreit ist schwer zu deuten bzw. wir können uns bei der Beurteilung irren. Vermutlich verurteilen wir ihn, weil uns Streit naturgemäß widerstrebt. Wenn wir aber wissen, dass er gerade herausgefunden hat, dass sie ihn mit seinem besten Freund betrogen hat, können wir Verständnis für den Mann entwickeln.

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Wenn wir in einer Situation gleich empfinden oder reagieren, spricht man von vollkommener Sympathie bzw. Gleichklang der Gefühle. Empfinden wir anders, weil wir die Reaktion für zu schwach, zu übertrieben oder sogar für unnatürlich halten, sind wir nicht in der Lage Mitgefühl aufzubringen. Dieser Disharmonie, welche sogar bis zur Apathie gehen kann, sind wir uns bewusst. Jeder hat aber das tiefe Bedürfnis zu einem Gleichklang, deshalb können wir unsere Empfindungen wie Wut, Hass, Angst, Trauer aber auch Glück dämpfen, um sie nachvollziehbar zu machen. Wir nutzen unsere Fähigkeit zur Selbstbeherrschung, um in der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Würden wir das nicht tun und beispielsweise unser Glück jedem unter die Nase reiben, liefen wir Gefahr, missgünstig beäugt zu werden, obwohl wir doch eigentlich wollen, dass sich die anderen mit uns freuen. Dieses Bedürfnis nach Akzeptanz bringt uns dazu, dass wir uns imaginär selbst beobachten und uns quasi in die Rolle eines unparteiischen Beobachters versetzen, der unser Verhalten beurteilt. Auf diese Weise fragen wir uns stets, aber nicht immer bewusst, ob unser Verhalten akzeptabel ist, ob wir richtig handeln.

7828702380_8e3820b0ca_kZudem kennen wir auch den Unterschied zwischen gelobt werden und Lob verdienen, bzw. bestraft werden und Strafe verdienen, weil wir all unseren inneren Beweggründe überschauen können.Wir wollen aber das Lob wirklich verdienen und nicht zu Unrecht bestraft werden. Durch diesen Anspruch bildet sich unser Gewissen. Im täglichen Umgang miteinander, also dem ständigen beobachten anderer, dem Selbst-Beobachtet-Werden und dem imaginären Blick auf uns, bekommen wir mit der Zeit ein recht sicheres Gefühl dafür, welches Verhalten gebilligt wird und welches nicht. Wir gelangen zu moralischen Wertvorstellungen. Wir wissen was ist ein gutes und was ist ein schlechtes Verhalten.

Was bedeutet das aber nun?

Es bedeutet, dass wir Menschen in der Lage sind, in Harmonie miteinander zu leben. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass wir etwas über die anderen Menschen wissen. Wir brauchen Hintergrundwissen um überhaupt in der Lage zu sein, das Verhalten anderer zu deuten. Besonders bei fremden Kulturen fällt es uns oft schwer, deren Handlungen nachzuvollziehen. Deshalb ist auch ein kultureller Austausch auch von so großer Bedeutung. Erst wenn man jemandes Beweggründe und Empfindungen versteht, können wir mitfühlen, mit anderen im Gleichklang, in Harmonie, leben.

Wir sind nicht alle durch und durch Altruisten und glauben an eine heile Welt. Smith ist sich bewusst, dass der Mensch ein mehrdimensionales Wesen ist. Er hat sowohl altruistische Empfindungen, aber auch egoistische Interessen. Das ist für ihn aber kein grundsätzliches Problem, geschweige denn ein Widerspruch, denn normalerweise verhalten wir uns sozial verträglich. Denn wir wissen, unsoziales Verhalten wird durch Gesellschaft sanktioniert. Wenn wir z.B. jemanden beleidigen, müssen wir mit Widerspruch anderer rechen. Wenn wir jemanden aus Gier ermorden, erhalten wir ein Urteil von einem Richter im Namen des Volkes. Im Normalfall dämpfen wir unsere egoistischen Interessen auch auf ein verträgliches Maß herunter. Im Grunde wollen wir alle in Harmonie leben. Das ist ein wesentlicher Bestandteil unseres natürlichen Wesens.

Wenn wir aber in die Welt schauen, müssen wir jedoch feststellen, dass nicht alles in einem harmonischen Singsang stattfindet. Auch dafür hat Smith eine Erklärung: Die Parteilichkeit.

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Im Grunde ist dies eines der größten Übel. Mit Parteilichkeit meint er die konsequente Überschätzung und Bevorzugung der eigenen Gruppe, deren gemeinsame Interessen und Überzeugungen. Mitglieder einer Gruppe neigen demnach dazu, Rechte anderer zu verletzten und haben dennoch dabei ein gutes Gewissen. Sie versetzen sich nicht imaginär in die Rolle eines fairen und unparteiischen Beobachters, sondern fragen eher danach, wie die Gruppe über das eigene Verhalten urteilen würde. Dadurch sind die Moralvorstellungen verzerrt und der gesellschaftliche Ausgleich gestört. Ein Beispiel dafür, was die Parteilichkeit anrichten kann, wenn eine Gemeinschaft, und das kann auch eine Nation sein, sich überhöht, zeigen die Verbrechen des dritten Reiches oder die der Kolonialherren des 18. bis 20. Jahrhunderts. Nicht der Egoismus stört das soziale Gefüge, sondern die Parteilichkeit.

Was hat das aber mit dem Liberalismus zu tun?

Verlässt man die Ebene zwischenmenschlicher Beziehungen und überträgt diese Überlegungen auf ein wirtschaftliches Level, erkennt man, was Smith in seinem „Wohlstand der Nationen“ meinte:
Das Grundprinzip, das die ökonomischen Sphäre ausmacht, ist nicht der Egoismus, sondern die natürliche Neigung des Menschen zum Tauschen, welche in der Arbeitsteilung begründet ist. Der Wunsch zu tauschen besitzt bemerkenswerte Ähnlichkeiten mit dem Wunsch zu sympathisieren in der „Theorie der ethischen Gefühle“, denn zum Handeln und Tauschen gehört die Fähigkeit der Kommunikation, also sich in andere hineinzuversetzen, ihre Interesse mit den eigenen abzustimmen und Einverständnis zu erzeugen. Das bedeutet, dass ein reiner Egoismus fehl am Platz ist. Man muss das Interesse des anderen wahren, um sein Interesse letztlich durchsetzen zu können. So besitzen die egoistischen und nicht-egoistischen Motive ihre Berechtigung, solange sie die Zustimmung eines unparteiischen Beobachters finden könnten.

Der Mensch ist also weder ein Egoist, noch ein Altruist. Er ist ein soziales Wesen, das in einer gewissen Abhängigkeit von anderen Menschen lebt. Mit Hilfe von Kommunikation, Handel und der Fähigkeit sich in andere hineinzuversetzen, ist es ihm aber möglich, seine Interessen mit denen der anderen abzustimmen und schließlich gemeinsam durchzusetzen. Nur so werden schließlich die Interessen aller gewahrt.

Smith ging es nicht um einen liberalen Markt nach heutigen Gesichtspunkten. Sein „Wohlstand der Nationen“ war zum großen Teil eine Kritik am Merkantilismus (Zentralisiertes Wirtschaftssystem der absolutistischen Monarchien im 17./18. Jhd.). Diese war kein System der Kommunikation, in dem jeder von seinem Recht Gebrauch machen konnte, die anderen vom Wert seiner Arbeit oder Waren zu überzeugen. Es herrschte eine beschränkte Kommunikation, in der einzelne Gruppen Absprachen über Löhne und Preise trafen und die Nähe zur Macht nutzen, um die Regeln zu ändern und so sich vor freier Konkurrenz zu schützen. Nicht der Egoismus ist das Grundproblem von Moral und Politik. Im richtigen Verhältnis ist er mit sozialen Vorstellungen durchaus verträglich und nützlich. Die Parteilichkeit ist das Problem, auch in der Wirtschaft. Wenn Gruppen oder Klassen mit gegensätzlichen Interessen sich gegenüber stehen und versuchen durch die Nähe zur Macht die Regeln zu ihren Gunsten zu verändern, wird das System natürlicher Freiheit gestört. Die Lösung dieses Problems ist also nicht die Überwindung des Egoismus, sondern die Schaffung gleicher Regeln für alle – eben durch einen freien Markt. Statt Wirtschaftspolitik zu betreiben, soll der Staat nur die Aufgabe des „unparteiischen Beobachters“ einnehmen und Schaden von der Gemeinschaft fernhalten.

Im Liberalismus geht es also nicht darum, alle Wirtschaftssubjekte tun zu lassen, was sie gern wollen. Die von Smith geforderte Freiheit des Marktes besteht zum großen Teil darin, dass der Staat nicht den Markt verzerrt, also eine bestimmte Gruppe bevorzugt. Tut er das, wird aus einem gerechten Verteilungssystem ein ungerechtes. Tatsächlich plädiert Smith dafür, dass, wenn das Streben nach privatem Reichtum, wie von selbst, den gemeinschaftlichen Wohlstand fördert, ein Staatsmann diesem Streben freien Lauf zu lassen hat. Ein Politiker, egal wie gebildet er sein mag, kann nie alle wirtschaftlichen Aspekte und Folgen vollständig überblicken. Diejenigen, die ein direktes Interesse am Erfolg des Wirtschaftens haben, also diejenigen, die die Arbeit verrichten, können besser beurteilen, welche Mittel zur Erreichung eines besonderen Zwecks geeignet sind. Allerdings darf sich der Staat nicht vollständig aus der Wirtschaft heraushalten. Er hat die Aufgabe den rechtlichen und politischen Rahmen zu setzen. Nicht totale Freiheit für den Markt, sondern Freiräume.

Nur in einem liberalen Rechtsstaat und im Rahmen einer Gemeinschaft kann egoistisches Handeln Gemeinwohl erzeugen. Es stellt sich aber nicht von allein ein. Die „Unsichtbare Hand“ ist kein Automatismus. Der Staat muss dafür Sorge tragen, dass der freie Markt keine Schäden in Land und Gesellschaft verursacht. Er selbst ist tätig und muss öffentliche Aufgaben erfüllen, die ökonomisch nicht optimal geleistet werden können, aber für die Gesellschaft von höchster Bedeutung sind.

Smith ging es darum, anders als im merkantilen System, einige wenige Eingriffe zu rechtfertigen, welche die Rechte der Privatleute am besten schützen, die dynamischen Kräfte des Marktes am besten nutzen und das öffentliche Interesse am besten fördern können.

Den Liberalismus wiederbeleben

In schwierigen Zeiten muss man kurz inne halten und noch einmal zurückschauen, wo man überhaupt herkommt. Wir leben heute in einer kapitalistischen Welt, in der es alles andere als gerecht zugeht. Wir denken Kapitalismus und Moral wären zwei grundverschiedene Dinge, aber ursprünglich gehörten sie unmittelbar zusammen. Ja, der freie Markt funktioniert bei Smith sogar nur aufgrund moralischer Konventionen.

Wieso haben wir aber heute einen so genannten „Raubtier-Kapitalismus“?

Unsere Märkte (oder sollte wir nur noch von einem einzigen globalen Markt sprechen?) sind überhaupt nicht frei. Statt Liberalismus gibt es Parteilichkeit. Staatliche Einflussnahme kann man heute überall beobachten. Sie findet statt, wenn von IWF und Weltbank Entwicklungsgelder und Kredite an afrikanische, asiatische oder krisenschwache europäische Länder gezahlt werden. Wenn als Gegenleistung dereguliert und liberalisiert werden muss. Wenn Wasser, das eigentlich Allgemeingut ist, privatisiert wird und wenn funktionierende Märkte für Großkonzerne wie Monsanto oder Nestle geöffnet werden müssen. Tatsächlich gibt es in vielen Bereichen keinen freien Handel mehr, denn übermächtige Firmen bestimmen Preise und Arbeitsbedingungen und können uneingeschränkt agieren, weil die Staaten diese Unternehmen subventionieren und ihnen per Gesetz einen Wettbewerbsvorteil einräumen. Die Vielzahl von Lobbyisten im Umfeld unserer Politiker zeigt auch deutlich, dass gegen die Prinzipien des smith’schen Liberalismus verstoßen wird. Immerhin war es ja genau das, was Smith überwinden wollte: die Beeinflussung der politischen Regeln durch ökonomische Eliten. Statt sich auf das Geschäft zu konzentrieren, betreiben Konzerne Politik und wollen die Regeln ändern. Die Politik wiederum lässt sie gewähren, obwohl dadurch der Wohlstand aller auf dem Spiel steht. Bereiche werden der Wirtschaft geöffnet, die der ökonomischen Logik versperrt bleiben müssten. Staaten führen Kriege für Rohstoffe aber auch aus wirtschaftlichen Interessen. Allein das widerspricht schon der Logik des freien Marktes, denn wie kann ein Staat wirtschaftliche Interessen haben, wenn er sich doch aus wirtschaftlichen Angelegenheiten möglichst heraushalten sollte? Auf einem freien Markt sind Rohstoffe Handelsware und nicht Kriegsbeute.

Der Staat darf nur den Rahmen setzen und muss verhindern, dass der freie Markt negative Effekte auf die Gemeinschaft ausübt. Er darf nicht Steuergelder verwenden, um einen Niedriglohnsektor zu subventionieren. Er muss verhindern, dass große Firmen unser Geld abschöpfen, um es dann ohne Steuern zu zahlen, still und heimlich außer Land zu schaffen. Die Politik ist parteiisch und auf Seiten der Hersteller, Händler und Banken, statt die Verbraucher oder Arbeiter vor negativen Einflüssen zu schützen. Die Politik schreitet selten entschieden ein, obwohl es notwendig wäre. Sie ignoriert ihre Kernaufgaben. Nicht ein freier Markt herrscht international, sondern riesige politisch gestützte Oligopole. Das widerspricht der Logik des freien Marktes fundamental.

545737_10150821390115339_1152820884_nDie „Unsichtbare Hand“ verteilt nur nach oben und ist ein Ergebnis einer zu engen Verbindung zwischen Politik und Wirtschaft. Die Institution Staat versagt in einer ihrer Grundfunktionen, was letztlich auch eine Schwächung ihrer Legitimation bedeutet. Die kapitalismus-kritischen Protestbewegungen unserer Zeit kann man durchaus als Folge dieses Versagens deuten. Liberalismus bedeutet nicht nur, dass der Staat sich aus dem Markt weitgehend raus hält, sondern auch, dass sich die Politik nicht von der Wirtschaft einverleiben lassen darf. Es muss klare Grenzen zwischen beiden Bereichen geben. In unserer ökonomisierten und postdemokratischen Zeit müssen die verstaubten Bücher mal wieder gelesen werden, denn wir könnten viel lernen!

Empfohlene und verwendete Literatur:
Adam Smith (1776) “Wohlstand der Nationen” und (1759) “Theorie der ethischen Gefühle”
Ballestrem, Karl Graf (2001): Adam Smith. München.
Andree, Georg Johannes (2003): Sympathie und Unparteilichkeit: Adam Smiths System der natürlichen Moralität. Paderborn.
Manstetten, Reiner (2000): Das Menschenbild der Ökonomie: der homo oeconomicus und die Anthropologie von Adam Smith. München.

Bilder:
Marktplatz Lübeck / Wilhelm Jury
Illusion of choice / Andreas Weck
Flickr.com – Giles and Adam – angus mcdiarmid – CC BY-NC 2.0
Flickr.com – bateman-8 – Mecaniques – CC BY-NC-ND 2.0
Flickr.com – #27/30 EXPLORED My good and my bad side – Jonathan Emmanuel Flores Tarello – CC BY-NC-ND 2.0


Mario Stock

Über Mario Stock

Als Politikwissenschaftler liegen mir besonders die Themen Demokratie und Gerechtigkeit am Herzen. Als viel interessierter Bürger betrachte ich mich aber eher als Allrounder mit Hang zum Philosophischen. Der Blog „ImPuls der Zeiten“ soll eine Keimzelle der Zukunft sein, den gesellschaftlichen Dialog fördern und neue Wege gehen. Ich wirke und lebe in Berlin.

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