Das richtige Leben im falschen?


Neulich, als ich meine Zeitung aufschlug: “Kurs auf die 4,8-Grad-Katastrophe”. – Meine Zeitung ist als links-alternatives Projekt entstanden, da sind Umweltfragen wie der Klimawandel natürlich ganz oben auf der redaktionellen Agenda. Aber, es tut mir leid: Ich kann es manchmal einfach nicht mehr hören. Bzw. lesen.

Klimaprognose verschärft, Klimaverhandlungen gescheitert, Emissionsziele nicht eingehalten, sowieso überall und viel zu viel CO². Natürlich schaltet dieselbe Zeitung auch Anzeigen von Deutschlands „grünster“ Bank, berichtet über den unfassbaren Wasserverbrauch, der in der Produktion meiner Jeans steckt oder in meinem Kaffee, oder über die differenten Möglichkeiten des Energiesparens. Sind ja alles wichtige Themen, deswegen lese ich ja diese Zeitung auch. Aber manchmal könnte ich sie dafür in die Ecke schmeißen! Ist doch eh nur Papierverschwendung so ein Printmedium. Das wäre dann aber gar nicht mal persönlich gemeint. Nur stellvertretend für die Verantwortung, die mir Medien und Mitmenschen so aufbürden. Ich kann die Welt ja doch nicht retten und nur hin und wieder aufs Auto zu verzichten macht eben auch nichts, aber auch wirklich gar nichts, besser.

Und trotzdem: Meistens nehme ich diese Verantwortung ernst, weil ich das den zukünftigen Generationen schuldig bin? – Jedenfalls wache ich morgens mit schlechtem Gewissen auf und gehe abends mit schlechtem Gewissen ins Bett. Weil ich zwar versuche es irgendwie richtig zu machen (das überstrapazierte Synonym wäre: nachhaltig), nur fällt mir dann und wann auf (meine Zeitung führt es mir vor Augen), wie unglaublich unerheblich und lächerlich mein eigener ökologischer Fußabdruck im Vergleich zu dem der Vereinigten Staaten ist. Oder zu dem von Deutschland. Oder Hamburg. Oder oder oder.
Ohnmacht befällt mich und ich vom Glauben ab, dass ich überhaupt etwas ändern kann als winziges Rädchen in diesem System. Die ganzen Schreckensmeldungen kommen doch sowieso. Kann ich machen, was ich will. Und sie führen zu einer Übersättigung. Die Verantwortung des „richtigen“ Lebens (gibt es das überhaupt?) hängt wie ein Damokles-Schwert über mir, lastet schwer auf meinen Schultern. Die zwar noch abstrakten, aber bald durchaus realen nachfolgenden Generationen werden mit dem Finger auf mich (und uns!) zeigen und ich bin vollkommen schuldfähig, wissend und zurechnungsfähig.

Vor wenigen Wochen habe ich mit Schülern über Nachhaltigkeit und Umweltfragen diskutiert. Um sie ein bisschen aufzurütteln und zum Nachdenken zu bringen, stellte ich die Frage in die Runde: Was spricht eigentlich gegen das Prinzip der Nachhaltigkeit? Was gegen Umwelt- und Naturschutz? – Und ich fühlte meine Füße heiß werden vom Feuer des Scheiterhaufens, den ich als Ketzer wider des gesellschaftlichen Konsens-Themas schlechthin selbst aufgeschichtet hatte.

Beantwortet haben wir diese Fragen gemeinsam und das waren befreiende Momente für mich, der ich doch seit ich denken kann dem Prinzip der Nachhaltigkeit anhänge. Tut gut, diese Doktrin mal von außen anzuschauen und dabei an die mit Wucht in die Ecke beförderte Zeitung zu denken.
Es folgte der erwartbare Kommentar eines Schülers, warum ich mich dann hinstelle und für diese Sache so sehr einstehe, wenn ich sie doch gleichzeitig grundlegend in Frage stelle. „Weil“, habe ich gesagt und musste kurz nachdenken, in meinem Kopf flackerten für den Bruchteil einer Sekunde Schreckens-Schlagzeilen aus Funk und Fernsehen und meiner Zeitung auf, „weil ich daran glaube, dass ich meinen Teil dazu beitragen kann, dass die Welt eben nicht so bleibt wie sie ist, sondern sie ein bisschen anders (wie auch immer) wird“. Das kann mir keiner mit der Bürde der Verantwortung kaputt machen!

Und meine Zeitung? Die lese ich, weil kluge Leute darin zu Wort kommen. Es wurde mal jemand mit den Worten zitiert (und das habe ich mir ausgeschnitten): „Ja, klar, absolut gesehen sind das Peanuts (…) Alles, was ich tue, ist Peanuts im Vergleich mit China. Ihre Entscheidung treffen sie individuell. Bezogen auf China sind das 0,0%, aber bezogen auf das, was Sie auf der Welt ändern können, sind es 100%…“

Wie wahr. Macht zwar falsches Leben nicht richtiger, aber zumindestens ein bisschen, finde ich.


Manuel Tacke

Über Manuel Tacke

Auf der einen Seite bin ich seit Langem auf verschiedensten Ebenen im Natur- und Umweltschutz aktiv, andererseits liegt mein Augenmerk als Kulturwissenschaftler natürlich auch auf den Menschen und der Gesellschaft. Ich glaube, dass sich nur im transdisziplinären Zusammenspiel beider Perspektiven aktuelle Probleme erfassen und beheben sowie zukunftsfähige Visionen entwickeln lassen.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>