Der Mensch erscheint im Holozän – und veränderte die Welt. Leben wir längst im Anthropozän?


Neulich war ich in Berlin. Auf Einladung meiner Lieblingszeitung habe ich im Haus der Kulturen der Welt (der Berliner sagt lässig HKW) am Spreeufer an einem Kongress teilgenommen. Dieser Kongress war total spannend, aber das soll hier nicht das Thema sein. Im HKW wurde Anfang 2013 „Das Anthropozän-Projekt“ eröffnet. Das klingt erstmal nach geologischen Zeittafeln, Fossiliensuche und Dinosauriern (zumindest tat es das für mich). Liest man etwas weiter wird deutlich, dass es um „Kulturelle Grundlagenforschung mit den Mitteln der Kunst und der Wissenschaft“ geht. Ein Projekt also, das einen Anspruch auf große Öffentlichkeit hat. Warum das? „Unsere Vorstellung von der Natur“, wird auf der Homepage ausgeführt, „ist überholt. Der Mensch formt die Natur. Das ist der Kern der Anthropozän-These, die einen Paradigmenwechsel nicht nur in den Naturwissenschaften ankündigt, sondern darüber hinaus in Kultur, Politik und Alltag nach neuen Wegen sucht. In einem zweijährigen Projekt lotet das HKW die vielfältigen Implikationen dieser Hypothese aus.

Hört sich so an, als wolle man ziemlich viel Inhalt mit ziemlich viel Kunst verknüpfen. Und zudem irgendwie etwas gestelzt. Aber die Hypothese dahinter ist hoch spannend und tatsächlich ist es lohnenswert ihr tiefer auf den Grund zu gehen.

Ein geistes- oder naturwissenschaftlicher Ansatz?

Tatsächlich geht es um die Bestimmung eines neuen Erdzeitalters und die Anthropozän-These denkt die bunte, mehrdimensionale so genannte Geologische Zeitskala einen Schritt weiter. Diese ordnet die Erdgeschichte chronologisch, hierarchisch und differenziert nach verschiedenen Forschungsperspektiven (z.B. die Paläontologie, die sich mit der Entstehung der Pflanzen, Tiere und Menschen beschäftigt). Die verschiedenen Erdzeitalter lassen sich demnach anhand verschiedener Faktoren bestimmen. Der Chemie-Nobelpreisträger Paul J. Crutzen veröffentlichte 2002 einen Artikel im renommierten Wissenschaftsmagazin Nature, den er „Geology of Mankind“ (also die Geologie der Menschheit) nannte.

Er schlug vor, den Begriff eines neuen Erdzeitalters einzuführen, das des Anthropozäns (aus dem griechischen; in etwa: das Menschen-Zeitalter). Ausgehend von der Tatsache, dass seit Ende des 18. Jahrhunderts der menschliche Einfluss auf das Klima (durch Emission von Kohlendioxid und Methan) sowie die Umwelt im Allgemeinen (Landnutzung, Meere, Atmosphäre etc.) ein enormes Ausmaß angenommen hat, solle dieses Zeitalter das sogenannte Holozän ablösen. Jenes Holozän wiederum löste erdgeschichtlich vor etwa 11.000 Jahren die letzte Eiszeit ab und ermöglichte so der Menschheit erst das großflächige Überleben. Nun also das Anthropozän? Faktisch ist dieses neue menschliche Zeitalter längst Realität: Die Erde ist in ständiger Transformation, der Mensch im Mittelpunkt aller Prozesse und Dynamiken. Unbekannt ist uns Menschen nichts mehr, die Terra Incognita nur noch Illusion, vielleicht eine schöne Utopie.

Mensch und Erde – kann das gut gehen?

Neben den unwiderlegbaren Einflüssen aufs Klima, die der aktuelle Fünfte Sachstandsbericht des IPCC erneut in aller Deutlichkeit aufzeigt, besiedelt oder verändert der Mensch einen Großteil der Erdoberfläche. Vor uns sind auch Extremlebensräume wie Meere oder Wüsten nicht mehr sicher. Wir bauen Dämme, Deiche, Kanäle, pflanzen Weizen, Reis und Hirse für uns, Mais und Soja für unsere Nutztiere und Raps für unsere Autos, wir fangen Fische und regulieren die Fangmengen, wir schießen Satelliten und eine Menge Schrott ins Weltall, schufen das Ozonloch, bohren im arktischen Eis und in karibischen Meerestiefen nach Öl, bauen Palmeninseln und Häuser mit bester Wasserversorgung in die Wüste, unsere Wälder sind Forste, wir fangen die Sonne in Kollektoren… Der Einfluss der Krake Menschheit ist immens. Im Bild sieht man zum Beispiel die israelische Stadt Be’er Sheva, die erst vor wenigen Jahrzehnten in die Wüste Negev hineingebaut wurde und heute zu den größten Städten Israels gehört.

Wir Menschen haben das Erscheinungsbild der Erde in den letzten 200 Jahren in jeder Hinsicht grundlegend verändert. Genau diese Transformation ist für Paul Crutzen die Basis für seine Überlegungen zum Anthropozän. Die Menschheit selbst ist zu einer geophysikalischen Gestaltungskraft geworden, die zudem stärker als viele anderen Kräfte ist: „We explore the development of the Anthropocene, the current epoch in which humans and our societies have become a global geophysical force.

Das Ende der Natur?

Das Anthropozän ist jedoch nicht einfach nur eine neue Begrifflichkeit in der stratigraphischen Wissenschaft, sonst würde sich das HKW damit auch nicht in dieser Intensität auseinander setzen. Die Radikalität der Idee wird erst deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, was es tatsächlich bedeutet, dass der Mensch alles beeinflusst und überall zugegen ist. Wo bislang von einem Dualismus, dem klassischen Gegensatzpaar Natur vs. Kultur ausgegangen wurde, muss konstatiert werden, dass unter den genannten Annahmen dieser Gegensatz nicht mehr aufrecht zu erhalten ist, denn „Natur und Kultur sind Teile eines Gesamtsystems geworden. Das eine lässt sich nicht ohne das andere begreifen“. So formuliert es der Geobiologe Reinhard Leinfelder im Gespräch mit der Zeit.

Wenn die Natur aber in Auflösung begriffen ist, vielleicht tatsächlich nicht mehr als der (romantische) Ort existiert, den wir vor unserem geistigen Auge haben, dann besteht dringender Diskussionsbedarf und eine gesellschaftliche Neuorientierung hinsichtlich unserer altbewährten Denkmodelle. Genau an dieser Stelle sieht das Haus der Kulturen der Welt seine Aufgabe, „den wissenschaftlichen Diskurs in die öffentliche Debatte zu überführen“. Das interdisziplinär angelegte Programm sei hier wärmstens empfohlen.

Eröffnet werden sollte das Anthropozän-Projekt im HKW von einem Vortrag des Architekten Rem Koolhaas mit dem so provokanten wie zutreffenden Titel „Die Natur ist vorbei“. Obwohl er kurzfristig absagte, ist der Titel Programm. Die Architektur greife in Modellen und Entwürfen wie selbstverständlich auf Beschreibungen wie „natürlich“ und „künstlich“ zurück. Wenn der Mensch die Natur allerdings so sehr formt, dass diese nicht mehr als natürlich im herkömmlichen Sinne zu begreifen ist, bedeutet das auch, dass es zu überdenken gilt, was den Natur- und Umweltschutz betrifft. Welchen Status schützen wir denn tatsächlich? Ursprünglichkeit als solche ist undenkbar, so besondere Lebensräume wie Heideflächen und Wiesenfluren sind tatsächlich (uralte) Kulturlandschaften. Der klassische Naturschutz im Wortsinne wäre damit ad acta gelegt. Eine Auffassung, die auch der in der Szene umstrittene Ökologe Josef H. Reichholf vertritt. Seine Thesen kommen zwar aus ganz anderer Richtung, basieren auf ökologischen Überlegungen zu Biodiversität und Artenschutz, stützen jedoch in vielerlei Hinsicht das Denkmodell des Anthropozäns.

Die Rolle des Menschen in der Welt hat sich so grundlegend geändert, dass es einer gedanklichen und gesellschaftlichen Neujustierung bedarf. Wir müssen begreifen, was wir anrichten und die Ursachen und Folgen adäquat untersuchen und benennen können. Das Konzept des Anthropozäns ist dabei eine Hilfe – und zwar ohne geologische Zeittafeln, ohne Fossilien, aber mit viel wachem Verstand.


Manuel Tacke

Über Manuel Tacke

Auf der einen Seite bin ich seit Langem auf verschiedensten Ebenen im Natur- und Umweltschutz aktiv, andererseits liegt mein Augenmerk als Kulturwissenschaftler natürlich auch auf den Menschen und der Gesellschaft. Ich glaube, dass sich nur im transdisziplinären Zusammenspiel beider Perspektiven aktuelle Probleme erfassen und beheben sowie zukunftsfähige Visionen entwickeln lassen.

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