Deutschland, ein Outdoor-Märchen


Welch herrliche Bilder: Junge, dynamische Menschen blicken sich glücklich an, umgeben von herrlicher Berglandschaft, dschungelartigem Wald oder am Ufer blauschimmernder Seen. Die Landschaft ist sagenhaft schön, aber von sehr rauer Schönheit. Das Klima eher unwirtlich. Aber die Menschen sind darauf vorbereitet, bestens ausgestattet mit Jacken, Hosen, Rucksäcken, Wanderstiefeln, Zelten und so weiter. Ihre Outdoor-Kleidung lässt an einigen Stellen dezent eine Tatze erkennen. „Draußen zu Hause“ – ein Slogan wie geschaffen für solche Abenteuer in der wilden Natur.

Dass tatsächlich nur ein Bruchteil der verkauften Ware tatsächlich mal den Widrigkeiten der Wildnis Alaskas trotzen, sondern eher einer herbstlichen Wanderung durch den Stadtpark Genüge tun muss, ist dabei eher eine Randnotiz. Gerade in Deutschland sieht man ja mittlerweile an jeder Ecke Werbung für diese Funktionskleidung und auch immer mehr Menschen, die diesen Herstellern vertrauen. So werden nur in Deutschland pro Jahr etwa 1,6 Milliarden (!) Euro dafür ausgegeben. Dass die Preise für Jacken auch gerne mal die 400-Euro-Grenze sprengen, hält den Konsumenten natürlich nicht davon ab. Schließlich verspricht die schöne Werbung ja nicht nur Funktionalität und Robustheit, sondern ebenso funktionale Schönheit und Naturverbundenheit.

Was die Naturverbundenheit angeht, halten diese Versprechen allerdings meist wenig bis gar nichts. Denn wie so oft verschleiern die schönen Bilder von atemberaubenden Landschaften die düstere Wirklichkeit. Diese unterscheidet sich letzten Endes nicht von der Wirklichkeit der übrigen Textilindustrie. Und wie es um diese bestellt ist, wissen wir allerspätestens seit dem fürchterlichen Großbrand in einer Nähfabrik in Bangladesh Mitte des Jahres sowie den diversen Studien um Giftsstoffe und Chemie-Cocktails in der Kleidung. Wenn man nun anhand der schönen Bilder von unberührter Natur eine besondere Sensibilität für nachhaltige Themen bei den Unternehmen der Outdoor-Bekleidung erwartet, liegt man damit also grundlegend falsch. Viele Unternehmen positionieren sich hingegen mit markigen Worten über Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein am Markt, haben aber immer noch großen Nachholbedarf, was die tatsächlichen Zahlen angeht. Allerdings tut sich etwas: So gibt es mittlerweile einzelne Unternehmen und Initiativen, die mit Recycling-Materialien arbeiten oder Rückgabe-Aktionen für ausgediente Kleidung im Angebot haben. An guter Absicht mangelt es sicherlich nicht.
Einige wie Vaude oder Patagonia produzieren (zumindest Teile ihres Sortiments) auf umweltfreundliche Weise, bieten Jacken aus recycelten PET-Flaschen an und ähnliches. Die Firma Pyua hat beispielsweise ein umfassendes Nachhaltigkeitskonzept erarbeitet. Pyua sorgt sich ebenso um einen geschlossenen Rohstoffkreislauf wie um den Verzicht auf giftige und klimaschädliche Chemikalien.  Greenpeace hatte im vergangenen Jahr diverse Outdoor-Jacken verschiedenster Hersteller getestet und festgestellt, dass High-Tech-Klamotten mit vielen verschiedenen Chemikalien belastet sind. Diese sollen die Jacken atmungsaktiv und wetterfest machen, schaden aber in größeren Mengen Mensch und Umwelt.
Im Bereich der sozialen Nachhaltigkeit hat die Kampagne für saubere Kleidung die Branche ständig im Auge. Während einige Unternehmen sich um Transparenz gar nicht scheren und auf Auskünfte einfach verzichteten, haben einige andere mittlerweile internationale Abkommen unterzeichnet, die Mindestlohn und sichere Arbeitsbedingungen garantieren. Dennoch ist die Lage bei den Zulieferern teilweise noch immer miserabel und nur langsam kommt Bewegung in die Sache. Auch deshalb, weil offensichtlich das Interesse der Kunden an fairen Produktionsbedingungen zunimmt und so der Druck auf die Unternehmen steigt. Gleiches gilt hinsichtlich giftfreier Herstellung. Auch in diesem Fall sollte vorm Kauf nachgebohrt werden, wie die jeweiligen Firmen es damit halten. Nur so kann man die Unternehmen dazu bringen, in diese Richtung weiter zu forschen und das Sortiment anzupassen.

Gerade in dieser Branche, die uns die tollen Bilder aus der Natur liefert, darf man doch wohl erwarten, dass sie diese nicht bewusst aufs Spiel setzen, oder?

 

Bild: © MT


Manuel Tacke

Über Manuel Tacke

Auf der einen Seite bin ich seit Langem auf verschiedensten Ebenen im Natur- und Umweltschutz aktiv, andererseits liegt mein Augenmerk als Kulturwissenschaftler natürlich auch auf den Menschen und der Gesellschaft. Ich glaube, dass sich nur im transdisziplinären Zusammenspiel beider Perspektiven aktuelle Probleme erfassen und beheben sowie zukunftsfähige Visionen entwickeln lassen.

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