Lateinamerikanische Transitionen – Wachstumskritik im Globalen Süden


Die Grenzen des Wachstums sind nicht erst seit dem berühmten Club-Of-Rome-Report von 1972 weltweit bekannt. Längst gibt es eine breite Bewegung, die eine Gesellschaft ohne Wachstum fordert. Doch diese Stimmen entspringen dem Geiste des Westens. Endlich emanzipieren sich nun Bewegungen aus dem Globalen Süden und kreieren eine eigene Vision einer gerechteren Welt.

Noch immer wird fortwährendes Wachstums als das große Mantra der Wirtschaft und elementare Lebensessenz postmoderner Gesellschaften angesehen. Trotz des Beinah-Zusammenbruchs der Wirtschaft im Jahr 2008. Trotz der Tatsache, dass wir die Unzulänglichkeit dieses Systems in einer globalisierten Welt jeden Tag vor Augen geführt bekommen. Und trotz vieler, vieler Ansätze, die dieses Dogma längst grundlegend hinterfragen – und ad absurdum führen.

Dass Wirtschaftswachstum allein nicht glücklich macht, nicht zwangsläufig zu Wohlstand führt, ist allerdings mittlerweile sogar in der Politik angekommen. Die Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des deutschen Bundestags legte 2013 ihren Abschlussbericht[1] vor und fasst in diesem entscheidende Kritikpunkte des am Bruttoinlandsproduktes gemessenen Wirtschaftswachstums zusammen. Das BIP gibt demnach den wahren Wohlstand einer Gesellschaft nicht adäquat wieder, sondern unterschlägt eine Menge wichtiger Faktoren wie unbezahlte Arbeit (ehrenamtliche und besonders innerfamiliäre Kinder- oder Altenpflege), Umweltzerstörung und nicht zuletzt das subjektive Wohlbefinden. Und trotz wachsenden BIPs steigt die Ungleichheit in allen Gesellschaften des globalen Nordens. Dieser Logik zufolge hat das Wachstum desselben ebenso ausgedient, denn das gute Leben kann Wachstum nicht garantieren. Sondern stößt gegenteilig immer mehr an seine Grenzen.

„Anyone who believes exponential growth can go on forever in a finite world is either a madman or an economist”[2],

wird selbst der Wirtschaftswissenschaftler Kenneth Boulding allerorten zitiert.

Nun kommen aus unterschiedlichsten Ecken luftige Visionen und wissenschaftliche Konzepte, die uns präsentieren wie und warum Wachstum vom Wohlstand abgekoppelt werden sollte. Die Debatte um eine Postwachstums-Gesellschaft ist in der Gesellschaft angekommen[3]. Wir Unersättlichen titelte Die Zeit 2011[4]. Wortgewandte Verfechter der Idee wie Niko Paech[5] oder Harald Welzer sitzen bei den Jauchs und Wills der Republik auf schönen Sofas und bekommen für ihre unkonventionellen Ideen Beifall von vielen Seiten. Wachstumskritik ist en vogue.

Nun, da alle davon reden könnte Post-Wachstum zum Diktum der Zukunft werden. Zumindest dem einer alternativen Avantgarde. Was wir dabei geflissentlich übersehen: Wir sind nicht alleine auf dieser Erde. Und wer Post-Wachstum oder den englischen Schlachtruf vom De-Growth in die Welt posaunt, der wird vielerorts auf Unverständnis stoßen. Denn die postmoderne Gesellschaft ist in großen Teilen längst eine globale, die Debatte um das Konzept des Postwachstum jedoch eine Exklusivität des globalen Nordens. Eine Diskrepanz, die zu verstehen von enormer Wichtigkeit ist, wenn mensch zukunftsfähige Wirtschafts- und Gesellschaftskonzepte verhandelt.

(Kein) globales Konzept – Half the world away   

Die reduktive Auslegung der Idee vom Post-Wachstum wie beispielsweise von Niko Paech vorgeschlagen (und vorgelebt), zielt auf einen absoluten Rückgang der Wirtschaftsleistung. Eine Abnahme des BIP und damit des Wirtschaftswachstums werden in der internationalen Betriebswirtschaft jedoch äußerst kontrovers diskutiert und mit viel Ablehnung aufgenommen. Die öffentliche Debatte mag zwar die ungewöhnlichen Ideen, stößt sich dann aber ziemlich heftig vor allem an dem Begriff Verzicht, dabei sei dieses

„das falsche Wort, weil es eine leidvolle Entsagung nahelegt. Dabei kann es den Genuss steigern, weniger zu konsumieren. Man hat mehr Zeit für die Tätigkeiten, die einem wirklich wichtig sind.“[6]

Und genau an dieser Stelle greift dieses Postwachstums-Konzept europäisch-amerikanischer Prägung zu kurz. Lateinamerikanische Theoretiker halten diesen Ansatz für riskant in Bezug auf Gesellschaften des globalen Südens,

„Wachstumsrückgang als Kontraktion ist verständlich für Ökonomien mit hohem Konsum und Überfluss (…). Das Konzept kann jedoch nicht leichfertig (…) übertragen werden.“[7]

Der Ökonom Serge Latouche, angetreten, die Denkblockaden des fortschrittsgläubigen Totalitarismus zu durchbrechen, skizziert das Konzept der Post-Entwicklung und fordert das Ende der Entwicklung im westlichen Sinne. In diesem Instrument sieht er nur eine Fortsetzung der kolonialistischen Strukturen und „nichts anderes als ein Vehikel zur (weiteren) Verwestlichung der Welt.“[8]

Daran anknüpfend stellt der uruguayanische Sozialökologe Eduardo Gudynas die Notwendigkeit dar, dass es „in einigen Bereichen ein Wachstum geben (beispielsweise bei der Infrastruktur für Gesundheit, Wohnraum, Bildung oder Hygiene)[9] muss. Das Ende des Produktionsfetischismus ginge damit vollkommen einher. Insofern wird Wachstum vor diesem Hintergrund nicht per se als negative Entwicklung angesehen, sondern schlichtweg als nebensächlich. Primär geht es für die lateinamerikanischen Staaten (und übertragbar in Ansätzen sicherlich auf den afrikanischen Kontinent) um das Aufbrechen verkrusteter Strukturen der Abhängigkeit vom globalen Norden sowie die Überwindung des omnipräsenten Entwicklungsdiskurses mit seinen inhärenten Praktiken. Ganz im Sinne der Diskursanalyse Foucaults kann

“aus dieser kritischen Perspektive[10] (…) Entwicklung als Apparat beschrieben werden, der das Wissen über die Dritte Welt mit Machtausübung und Intervention verbindet und damit die Gesellschaften der Dritten Welt erst kartiert und produziert.“[11]

Post-Entwicklung & Post-Extraktivismus

Wo im globalen Norden die Post-Wachstums-Ökonomie proklamiert wird, geht es im globalen Süden also um Post-Entwicklung und Wege aus dem Neo-Extraktivismus. Unter diesem Begriff versteht man die neoliberal-postmoderne Variation des klassischen Extraktivismus. Diese Wirtschaftsform basiert auf der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, insofern dem Export von Primär-Rohstoffen sowie dem Import von gefertigten Produkten. Eine hohe Abhängigkeit vom Weltmarkt ist die Folge, wenn sich Staaten zu sehr vom Export bestimmter Rohstoffe machen – wie jüngst das venezolanische Beispiel dramatisch zeigte[12]. Zudem schöpfen in vielen Fällen multinationale Unternehmen (mit Sitz in den USA, Europa oder China) die immensen Gewinne ab, die die extraktive Ausbeutung von Rohstoffen wie Öl, Kohle oder Erzen noch immer abwirft.

Eduardo Gudynas proklamiert umfassende Transitionen auf dem Weg in eine Gesellschaft, die zum einen die weitverbreitete Armut nicht bloß reduziert[13], sondern beseitigt, und zum anderen dem Schutz der Natur höchste Priorität einräumt. Dieser Weg kann nicht eingeschlagen werden, wenn nur an einigen Stellschrauben gedreht wird, also eine alternative Entwicklung angestrebt wird, die dem westlichen Fortschrittsparadigma verhaftet bleibt. Sondern nur dann, wenn ein substantieller Mentalitäts- und Strukturwandel einer eindeutigen Alternative zur Entwicklung den Weg bereitet. Einer Alternative, die den Extraktivismus in stark abgeschwächter und rücksichtsvoller Variation mit einbezieht, vor allem aber das Wohl der Menschen und der Natur[14] vor Ort in den Vordergrund stellt. Regionale Wirtschaftsbündnisse[15] mit lokalen Produktionsketten, basisdemokratische Partizipation und eine selbstbewusste Stärkung der Staaten gegenüber ausländischen Investoren stellen wichtige Schritte auf dem Weg dar und bereiten den Boden für die jeweils nächsten Schritte.

Der Westen büßt seinen Jahrhunderte währenden Einfluss auf den süd- und mittelamerikanischen Kontinent schrittweise ein. Dessen steigendes Selbstbewusstsein kollidiert stellenweise dann nicht nur mit US-amerikanischen Interessen, sondern tangiert natürlich auch Good Old Europe mit den ehemaligen Kolonialmächten Spanien und Portugal. Die „Erlangung einer Selbstbestimmung gegenüber der Globalisierung[16] ist da nur ein Puzzleteil dieser Emanzipation.

Insofern ist es nur konsequent, dass auch im alternativen Diskurs eine Abkehr von den westlichen Werten gepredigt wird. Das repressive Instrumentarium des Westens um den beständigen Fluss von Ressourcen aufrecht zu erhalten, ist zwar auch elementarer Kritikpunkt der westlichen De-Growth-Aktivisten, die Stoßrichtung ist jedoch eine andere. Vor dem Hintergrund der Debatte um Heuschrecken-Kapitalismus und den Raubbau an unseren natürlichen Lebensgrundlagen weltweit, muss im Globalen Norden jedoch die Erkenntnis reifen, dass die universale Forderung nach De-Growth einer Fortsetzung der kolonialen Strukturen gleich kommt – freilich auf gänzlich anderer Ebene. Die globale Transformation in eine nachhaltigere Welt kann jedoch nur funktionieren, wenn regionale Bedürfnisse entsprechenden Rückhalt finden und Universal-Lösungen keine Mehrheit finden. Nur mit einer weniger universalistischen Globalisierungskritik des Westens kann eine Basis für eine weltweite Bewegung gegen das neoliberale Dogma des Wachstums geschaffen werden. Und der Kampf gegen einen derart übermächtigen Gegner braucht gebündelte und doch gleich verteilte Kräfte, denn:

„alle eint jedoch das Bewusstsein von der Dringlichkeit, mit der die sozialen und ökologischen Auswirkungen des derzeitigen Extraktivismus anzugehen sind.“[17]

______

[1] http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/133/1713300.pdf (14.02.2015)

[2] Laut wikiquote.org hier: United States. Congress. House (1973) Energy reorganization act of 1973: Hearings, Ninety-third Congress, first session, on H.R. 11510. S 248.

[3] Pinzler, Petra: Abschied vom Wachstum. Hier: http://www.zeit.de/2011/50/Kapitalismus-Wachstum (14.02.2015)

[4] Mit dem Ökonomen Tim Jackson ließ die Die Zeit einen der profiliertesten Wachstumskritiker prominent zu Wort kommen. Jackson schrieb auch das Buch “Wohlstand ohne Wachstum”, das ich hier eindringlich empfehlen möchte.

[5] Paech, Niko: Grünes Wachstum wäre ein Wunder. Hier: http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-06/wachstumskritik-paech (14.02.2015)

[6] http://www.taz.de/Niko-Paech-ueber-Postwachstum/!145119/ (27.02.2015)

[7] Gudynas, Eduardo: Post-Extraktivismus und Transitionen auf dem Weg zu Alternativen zu Entwicklung. In: FDCL e.V./Rosa-Luxemburg-Stiftung (Hg.): Der Neue Extraktivismus –Eine Debatte über die Grenzen des Rohstoffmodells in Lateinamerika; Berlin 2012.

[8] Latouche, Serge: Die Idealogie der Entwicklung. In: Le Monde Diplomatique (2001). Hier: http://www.monde-diplomatique.de/pm/2001/06/15/a0048.text.name,ask2o83NZ.n,10 (27.02.2015)

[9] Gudynas (2012)

[10] Genau diese Perspektive war im Elfenbeinturm westlicher Wissenschaften lange Zeit vernachlässigt bis nicht vorhanden. Edward Said eröffnete mit seinem Grundlagenwerk „Orientalismus“ die Debatte um den Kolonialismus in bisher nicht gekannter Intensität. Auch Stuart Hall oder Frantz Fanon wirkten an dieser überfälligen Dekonstruktion von gängigen Gedanken-Schablonen mit und schufen eine essentielle Basis für die moderne interdisziplinäre Denkrichtung des Post-Kolonialismus.

[11] Transition Network: An Interview with Arturo Escobar (2012). Hier: http://www.transitionnetwork.org/blogs/rob-hopkins/2012-09-28/alternatives-development-interview-arturo-escobar-0 (01.02.2015)

[12] Der enorme Sinkflug des weltweiten Öl-Preises um mehr als 50% in wenigen Wochen brachte Venezuela an den Rand einer Staatspleite, so dass viele Waren knapp wurden. Mehr hier: http://www.tagesschau.de/ausland/venezuela-oel-101.html (28.02.2015)

[13] Zwar ist das BIP in vielen Teilen Lateinamerikas in den letzten Jahren stellenweise erheblich gestiegen, noch immer leben aber weite Teile der Bevölkerung in armen und extrem armen Verhältnissen, zudem steigt die Ungleichheit in der Gesellschaft auch hier exorbitant. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat die Problematik inhaltlich etwas aufbereitet: http://www.bpb.de/apuz/27401/armut-in-lateinamerika-als-soziales-und-politisches-problem?p=all

[14] Das Konzept des Buen Vivir als traditionelles Prinzip der indigenen Bevölkerung hat es mittlerweile in die Verfassungen Boliviens und Ecuadors geschafft, findet sich in Realpolitik jedoch noch immer zu häufig unberücksichtigt. Thomas Fatheuer beschreibt die Idee des Buen Vivir als “Konzept in Konstruktion“ und damit einhergehende Schwierigkeiten in der praktischen Umsetzung. Schon allein der nicht-koloniale Ursprung dieses neuen Leitbildes bedarf einer näheren Betrachtung, stellt er doch einen selbstbewussten Versuch dar, sich von der Linearität der Geschichte zu emanzipieren. http://www.boell.de/sites/default/files/Endf_Buen_Vivir.pdf (19.02.2015)

[15] Auch die Chancen und Krisen bestehender Bündnisse beleuchtet Eduardo Gudynas und betont dabei vor allem, wie wichtig eine verstärkte regionale Integration sei: http://www.cipamericas.org/archives/1108 (16.02.2015)

[16] Gudynas (2012). Gudynas sieht die Abhängigkeit von den Strukturen des Westens als eine der sperrigsten Hürden auf dem Weg der Transitionen.

[17] Ebd.

(Bild: Carina Lauer/pixelio.de)


Manuel Tacke

Über Manuel Tacke

Auf der einen Seite bin ich seit Langem auf verschiedensten Ebenen im Natur- und Umweltschutz aktiv, andererseits liegt mein Augenmerk als Kulturwissenschaftler natürlich auch auf den Menschen und der Gesellschaft. Ich glaube, dass sich nur im transdisziplinären Zusammenspiel beider Perspektiven aktuelle Probleme erfassen und beheben sowie zukunftsfähige Visionen entwickeln lassen.

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